Das Leben ist eine Talk-Show – Über das Reden

Reden sind überflüssig. Sagen viele. Weiß Gott, es gibt noch andere Überflüssigkeiten. Selbstmordattentäter, Steuerbescheide, Strafzettel, Sodbrennen, Hämorriden.  Reden sind und bleiben eine Herausforderung. Müssen, ja sollen es sein. Was wäre die Alternative? Schweigen oder aufeinander losgehen? Reden wir übers Reden.

Als Vaclav Havel das erste Mal in den USA war, sollte er vor Senatoren und Kongressabgeordneten eine Rede halten. Es war der 21. Februar 1990. Keine drei Monate zuvor war die Samtene Revolution erfolgreich gewesen, das alte Regime in sich zusammengebrochen. US-Außenminister James Baker hatte für den Gast aus Prag einen Berater organisiert, die Rede sollte ein Erfolg werden. Der Coach war entsetzt, als Havel anfing, ihm seine Rede vorzutragen. „Stehen Sie aufrecht, sprechen Sie nach vorne ins Publikum. Machen Sie Pausen. Reden Sie laut. Schauen Sie entschlossen. Lächeln Sie.“

Am nächsten Tag nuschelte der Schriftsteller seine Rede nach unten aufs Blatt blickend wie er das immer getan hatte. Er war aufgeregt, begann auf Englisch, wechselte ins Tschechische, verhaspelte sich. Und das Publikum? Siebzehn Mal musste er unterbrechen, weil ihm begeistert applaudiert wurde. Der Berater hatte Havel zuvor empfohlen, zu sagen, was das Publikum hören wollte also was es kannte und erwartete.  Aber Vaclav Havel hielt nicht nur eine Rede. Er hatte etwas zu sagen. Neues, Überraschendes. Sätze wie diese:

„Hoffnung ist nicht die Überzeugung, dass etwas gut ausgeht, sondern die Gewissheit, dass etwas Sinn hat, egal wie es ausgeht.“

Die Rede ist 25 Jahre alt. Und heute?

Vaclav Havel Tschechischer  Autor und Präsident

Vaclav Havel
Tschechischer
Autor und Präsident

Reden wir über eine Welt, die aus den Fugen ist. Überall gewaltsame Konflikte. Zu den 14.400 Kriegen mit 3,5 Milliarden Toten der Neuzeit kommen blutige Bürgerkriege in Syrien, Libyen, Nigeria, in der Ukraine. Es existieren Flüchtlingsströme biblischen Ausmaßes. Es gibt Terroranschläge mitten in Europa im Namen Allahs. Die Folge: Angst vor der Zukunft und massenhaftes Misstrauen. Rufe: Das Abendland ist in Gefahr. Oder „Wir sind das Volk“ Abgrundtiefer Hass gegen die Regierenden, gegen die da oben und Andersdenkende.

Die vereinte Bundesrepublik mit ihren garantierten Grundrechten, mit Meinungsfreiheit und Rechtsstaatlichkeit existiert für viele Pegida-Demonstranten nicht. Sondern eine Art westdeutsch gefärbte DDR, in der man alles kaufen, sich aber nicht alles leisten kann. In der es eine abgehobene Elite, eine „Lügenpresse“ und viel zu viele Ausländer gibt. Ist das die Bilanz nach 25 Jahren Einheit? Das Warmlaufen für die Festreden zur Silberhochzeit im Herbst?

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