Selfies – Halte deine Welt fest

Die Kamera ist stets dabei. Zu jeder Zeit. An jedem Ort. Und das Selbstporträt ist der Höhepunkt aller visuellen Begierden. Schaut her, hier bin ich. Am besten an einem bekannten Ort oder mit einem berühmten Star. Autogramme von VIPs sind so etwas von vorgestern und aus dem letzten Jahrhundert. Nur das Selfie zählt.

Was früher mit exakter Motivauswahl, Selbstauslöser und Countdownzählen eine gewisse Geschicklichkeit verlangte und das Ergebnis häufig ungewiss blieb, ist längst per Smartphone in Sekundenschnelle möglich. Das Selfie hat sich rasanter als jeder Grippevirus rund um die Welt verbreitet.

„Ein Selfie ist eine Art Selbstporträt, oft auf Armeslänge aus der eigenen Hand aufgenommen“, definiert Wikipedia etwas gestelzt die moderne Marotte der optischen Onanie. Tatsächlich stand das Wort Selfie im englischen Sprachgebrauch vor wenigen Jahren noch für die schnöde körperliche Selbstbefriedigung. Längst hat sich der Begriff für die fotografische Selbstbespiegelung durchgesetzt.

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Ein Selfie der gehobenen Art. Aufgenommen während der Trauerfeier für Nelson Mandela.

 

Alle tun es. Posieren für den schnellen Schnappschuss. Angezogen, Nackt. Bei Geburten oder Beerdigungen. Auch Staatsführer lieben die Selfies. Sogar bei der Trauerfeier für Nelson Mandela lächeln sie in ihre eigenen Kameras. Die dänische Ministerpräsidentin Helle Thorning-Schmidt mit Barack Obama und dem britischen Premier David Carrington. Dieses Bild wird sich die oberste Dänin sicher gespeichert haben.

Viele Künstler führen einen regelrechten Kulturkampf gegen die Fotomanie. Bob Dylan erteilt bei seinen Konzerten Bild-Verbot. Seine Ordner führen eine verzweifelte Abwehrschlacht gegen das bunte Blitzlichtgewitter. Rowdies strahlen die Hobby-Fotografen in der dunklen Menge mit starken Taschenlampen gezielt an. Meist vergeblich. Das Museum of Modern Art in New York verbietet nunmehr Selfie Sticks. Die Ego-Stangen werden künftig wie Stative, Rucksäcke oder Schirme am Eingang eingesammelt. Damit Besucher die Werke wieder ungestört genießen können.

Diese um sich greifende Selbstverliebtheit ist nicht neu. Sie hat nur ein flottes zeitgemäßes Betätigungsfeld gefunden. In Sekundenbruchteilen zum eigenen Porträt. Ein prüfender neugieriger Blick in den Spiegel der Eitelkeiten. Der Meister des gehobenen Narzissmus, der irische Schriftsteller Oscar Wilde, hatte schon vor über einhundert Jahren Verständnis für solche menschlichen Bedürfnisse: „Sich selbst zu lieben, ist der Beginn einer lebenslangen Romanze.“

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