Schlaflos in Köpenick

Weit draußen, jwd. Samstagabend in Berlin-Köpenick. Ein ehemaliger Turnsaal, der jetzt F15 heißt. F steht für Freiheit. 15 für die Hausnummer. Der Saal ist rappelvoll mit erwartungsfrohem Fünfzigplus-Publikum. Auf den Tischchen stehen Bier- und Weingläser, pro Glas ein Euro Pfand. Es kann losgehen.

Dann kommt sie – die Tänzerin. Ulla Meinecke tritt auf. Im ersten Teil mit neuen Liedern, begleitet von ihrem Gitarristen Ingo York und dem Pianisten Reimar Henschke. Routiniert spult das Trio sein Repertoire ab. Arrangement, Moderation, Musik und Texte, alles stimmig. Doch es will kein Funke so recht überspringen. Pause.

Köpenick leert die Blase, bestellt Nachschub, stärkt die Lungenflügel. Im zweiten Teil präsentiert die Ulla ihre alten Songs. Plötzlich zündet der Funke. Lieder von Paul Simon, Tom Waits, Bruce Springsteen, herrlich interpretiert von der Frau, die so wunderbar einfühlsam singen kann. Das Publikum taut auf. Wie nach einem langen Winterschlaf.

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Ulla Meinecke und ihre Begleiter.

 

Die F-15-Besucher erklatschen drei Zugaben. Das Beste zum Schluss. Rio. Übers Meer. Rio Reiser, der Geniale, Großartige, Genaue. Gänsehautgefühle im Saal. Ulla wird wieder das Mädchen, das Udo Lindenberg vor 37 Jahren entdeckt und gefördert hat. Mit ihren Sehnsuchts- und Liebesballaden. Der Turnsaal schwelgt. Ulla singt Rio und alle stimmen mit ein:

 

„Tag für Tag weht an uns vorbei,
bringt das Boot in den Wind!
Und ein Kuss und ein Tag im Mai,
sei nicht traurig mein Kind.
Und ich singe ein Lied für dich,
wird das Herz mir auch schwer.
So viele Tage und so viele Stürme
müssen vergehn
dann wir werden uns wiedersehn.

 

Es ist ein melancholischer Abend, an dem Ulla Meinecke von schlaflosen Nächten und bescheuerten Tagen singt. Auf der Heimfahrt fragen wir uns, warum ihr der ganz große Durchbruch versagt blieb, warum sie nie ein Star für Charts, große Hallen und Talkshows wurde. Eine Antwort finden wir nicht.

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