Wer den Takt nicht vorgibt

Zu jung, zu alt, zu arrogant, zu naiv. Die 124 Philharmoniker waren schon immer wählerisch, wenn es um die Kür ihres Chefs ging. Die Musiker gelten als extrem selbstbewusst und notorisch überheblich. Die Arbeit mit ihnen sei wie irrer Sex mit jemandem, den man überhaupt nicht leiden kann,  soll ihr derzeitiger Dirigent Sir Simon Rattle einmal über seine Berliner Vorzeige-Musiker gesagt haben.

In drei Jahren soll ein neuer Leiter ans Pult. Rattle geht 2018. Eine Frau ist nicht unter den Kandidaten. Dirigieren ist eine der letzten Männerbastionen, genau wie der Job des Fußballtrainers oder Bankenchefs. Auch beim Orchester liegt die Frauenquote deutlich unter zwanzig Prozent. Wer wird also der neue Mann an der Spitze der Philharmoniker? Christian Thielemann, Andris Nelsons oder der gleichfalls junge aufsteigende Gustavo Dudamel? Oder vielleicht doch noch der bereits zweimal gescheiterte Daniel Barenboim?

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Der Jugend eine Zukunft? Gustavo Dudamel, 34 Jahre. Venezuela. Leiter des Los Angeles Philharmonic Orchestra.

 

Keiner weiß es. Und das ist gut so. Die Wahl findet an einem geheimen Ort statt, wird geradezu mustergültig demokratisch durchgeführt. Weder gibt es eine Vorauswahl noch Berufungskomissionen. Vorurteile und Handys müssen abgegeben werden. Die 124 Damen und Herren haben die Wahl: sie können ihr Haus verjüngen oder auf einen erfahrenen Maestro setzen, der nicht mehr so viel ändern will.

Seit 1882 bestimmen die Musiker selbst, wer für sie der Beste ist. Das ist weltweit einmalig. Anfangs spielten die Philharmoniker in Gartenlokalen, während das Publikum zeitgleich speiste und zechte. Der junge Richard Strauss wurde wieder abgesetzt, weil er zu wenig Publikum zog und zu hohe Gagen verlangte. Manche Maestros galten als autoritär und herrisch, so Wilhelm Furtwängler oder Herbert von Karajan. Andere wie Claudio Abbado wollten für alle da sein.

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Der Reife. Mariss Jansons. 72 Jahre. Leiter des Symphonieorchesters des Bayrischen Rundfunks in München.

Wer beerbt den Briten Sir Simon Rattle? Wie wird das Orchester im Internetzeitalter geführt? In Zeiten, in denen Event, Elite und optimale Vermarktung jederzeit angesagt sind. In der abgeklärte Coolness alles und Musikvermittlung nur noch lästig ist.  Wer ergattert diesen verfluchten Traumjob, den alle haben wollen? Wir sind gespannt.

dpatopbilder Intendant Martin Hoffmann (l-r), Medienvorstand Stanley Dodds, die Orchestersprecher der Berliner Philharmoniker, Peter Riegelbauer und Ulrich Knörzer und Medienvorstand Olaf Maninger verkünden am Abend des 11.05.2015 in Berlin nach einer elfstündigen Sitzung der Orchesterversammlung vor der Jesus-Christus Kirche in Dahlem, dass sich die Musiker der Berliner Philharmoniker auf keinen neuen Chefdirigenten einigen konnten. Foto: Maurizio Gambarini/dpa +++(c) dpa - Bildfunk+++

Berlin. 11. Mai. 22.10 Uhr. Ein ratloser Orchestervorstand der Berliner Philharmoniker nach elf Stunden erfolgloser Kandidatensuche. Bleibt nur noch das Stück: Scheitern als Chance.

Letzter Stand: Nach elf Stunden Dauerklausur stieg am 11. Mai kein weißer Rauch auf. Nicht einmal ein Wölkchen. Keiner von den rund 30 Kandidaten habe restlos überzeugt, hieß es. Kurzum: Niemand war dem Orchester gut genug. Wie geht es jetzt weiter? Man wolle sich ein Jahr Zeit lassen und dann entscheiden. Bei solch langfristigen Planungen wird die Wahl ein Fall für Maestro Mehdorn. Ein Mann mit Macher-Qualitäten, so Scherzbolde in Foren, der das Herum-Dirigieren liebt und alle ihm anvertrauten ambitionierten Projekte zuverlässig in den Ruin treibt.

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