Wir sind die Guten!

Die Niederländische Botschaft ist bis auf den letzten Platz gefüllt. Es geht um coole City Boys und Investmentbanker, die mit unserem Geld und Vermögen spekulieren. Unter Bankern war Joris Luyendijk. Zwei Jahre lang. Der holländische Autor führte zahllose Gespräche, in Cafés, teuren Lofts oder zwischendurch an der Coffeebar. Keine Namen, bitte. Man bleibt lieber diskret und auf jeden Fall anonym. Denn Banker sind scheu wie das sprichwörtliche Reh. Jederzeit auf der Flucht.

Der fröhliche Luyendijk beschreibt an diesem Abend im herrlichen Rudi-Carell-Deutsch die Welt der Banker. Es ist eine eindrucksvolle Geschichte vom „Kapitalismus als Religion“.  Die rund 55.000 Investmentbanker in London seien die Hohen Priesters des Kapitals. Amoralische Söldner. Stets im Nahkampf um Provisionen, Profite und Boni. Stets die Aktionäre im Nacken, natürlich auch den Konkurrenten. So träumen die Jungs, meistens sind es Männer, vom Match in the heaven. Manche arbeiten bis zum Umfallen. Denn die Börse schläft nie.

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Joris Luyendijk. Ein Autor als Entdecker und Ethnologe. In der freien Wildbahn Londons allein unter Bankern.

 

Luyendijk sagt, er habe wie ein Ethnologe eine fremde Welt erkundet. Er traf ehrgeizige Menschen, die in „einer Mischung aus extremer Unsicherheit und totaler Hingabe“ dem Erfolg hinterherjagen. Die Trottel sitzen in der Sparkasse oder den Landesbanken. Und Trotteln kann man giftige Papiere andrehen. Die Masters of the Universe sind abgebrühte Jungs, sagt der Holländer. Ehrgeizig. Einsam. Entschlossen.

Sind Banker konformistische Narzissten? Oder kranke Psychopathen? Stimmt nicht, entgegnet ein Banker, der sich beim anschließenden Gespräch aus der Deckung wagt. Das sei viel zu einfach. Die Banker seien doch nur die Ausführenden. Wer wolle nicht seine Alterssicherung verbessern? Wer träume nicht von einer höheren Rendite? Der Kleinsparer. Der Aktionär. Der Anleger.

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Happy hour in London. Banker beim Entspannen.

Nach zwei Stunden Lesung und Debatte sind alle erschöpft. Doch die Moral ist gestärkt. Gut so: Die Bösen sind die Banker. Es geht hinaus in den lauen Sommerabend. Die Niederländische Botschaft liegt an einer vielbefahrenen Straße. Es dauert lange, bis die Fußgängerampel auf Grün springt. Dann los, als zwei Radfahrer mit hohem Tempo verbissen auf uns Fußgänger zu radeln. Was kümmert uns eine rote Ampel! Knapp zischen die Herrschaften im mittleren Alter vorbei. So ist das im wirklichen Leben: Hoppla, erst komme ich. Was scheren mich Regeln. Die gelten nur für andere!

 

Spannend. Joris Luyendijk. Unter Bankern. Tropen. 2015.

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