Weiße Flecke auf der Landkarte

Es gibt sie. Orte, die keiner kennt. Unbekannte Landschaften, durch die der Reisende eilt. Städte ohne Namen, Gesicht und Geschichte. Bad Langensalza ist so ein großer weißer Fleck. Ein kleines putziges Fachwerkstädtchen mitten in Deutschland. Weimar ist nicht weit, Eisenach um die Ecke, doch Bad Langensalza? “Man kennt uns nicht. Das ist unser Problem”, seufzt der Portier im Alpha-Hotel, einer aufgehübschten Platte mit vorzeigbarer Dachterasse.

Wenn der Reisende rein nichts erwartet, kann er nur überrascht werden. Marketingleute haben dem Städtchen in Thüringen das Image einer “Kur- und Rosenstadt”. verpasst. Bad Langensalza verfügt über ein Thermalbad, in dem mit viel Schwefel Gebrechen gelindert warden sollen. Es gibt einen Kurpark, in dem ältere Damen flanieren und jeden anfauchen, der die Rasenrabatte betritt: “Das gibt´s doch nicht. Rasen betreten verboten.”

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Bad Langensalza. 17.000 Einwohner. Mitten in Deutschland und doch unbekannt.

Der Namensgeber, der Deutsch-Ordensritter Hermann von Salza, wurde hier geboren. Das ist lange her, fast tausend Jahre. Der Mann war ein Reisender, Diplomat und Eroberer, steht auf den Erklärtafeln. Erobern wir das Zentrum, das alles zu bieten hat, was einem Touristen heute gefällt. Schloss, Rathaus mit stolzem Turm, Marktplatz mit schicken Fachwerkhäusern. Mächtige Kirchen. Malerische Gässchen.

Die kleinen Straßen und schmalen Häuser erzählen von Mittelalter, Fleiß, Handwerk, Enge, Biedermeier und Gemütlichkeit. Hier ist es zu finden: Das deutsche Wesen. Romantik und Provinz gehen Arm in Arm durch die Geschichte. Die deutsche Seele, hier ist sie zu Hause. Mit Bratwürsten, blitzsauberen Straßen und einem breitschultrigen Hünen vom Ordnungsamt, der in der Fußgängerzone Amt und Würde ausstrahlt.

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Enge Gässchen, frische Fassaden. Bürgerstolz und blauer Himmel.

 

Bad Langensalza. Ist dieses Freilichtmuseum deutscher Tugenden eine Reise wert? Unbedingt. “Hier kann man eigentlich schon zufrieden sein”, brummt ein Rentner. Der Mann auf dem Markptplatz ist ein wenig irritiert über meine Frage, aber stolz auf die letzten 25 Jahre Einheit. Seit der Wende sei aus der grauen Maus etwas Vorzeigbares geworden. Das stimmt. Die Fassaden sind hübsch anzusehen. Wer jedoch dahinter schauen will, muss Zeit mitbringen. Doch daran mangelt es dem modernen Reisenden bekanntlich am meisten.

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Genau hinschauen! Detail einer Holzskulptur an einem Fachwerkhaus.

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