„Ich bin wieder aufgestanden“

Eine Silberhochzeit steht an. Die der Deutschen. Prost. „Wir haben in 25 Jahren unglaublich viel erreicht. Den Rest schaffen wir auch noch“, verlautbart die Bundesregierung. Tatsächlich? Wird gefeiert? Spätestens beim dritten Bier kommt die Stunde der ungeteilten Wahrheiten. Dann sagt der Deutsche-Ost: „Endlich sind wir ein Volk.“ Kontert der Deutsche-West: „Wir auch.“ Sagt der Berliner: „Gott sei Dank war der Senat nicht für die Maueröffnung zuständig. Sonst würde bis heute über den Brandschutz gestritten. Und das Ding wäre noch immer zu.“

Ein zufriedenes Volk? Trotz Besserwisserei, Ungleichheit und Pegida versöhnt mit dem Neuen Deutschland? André Herzberg denkt erst einmal länger nach. Dann sagt der frühere Frontmann der Ost-Berliner Kultband Pankow: „Ja, doch. Es hat Jahre gebraucht. Ob ich damit zufrieden sein kann, hängt bei mir immer davon ab, ob ich selber Jobs habe. Im Moment bin ich ganz zufrieden.“ Er unterbricht, überlegt: „Es ist doch ein wahnsinnig reiches Land. Selbst den Armen in diesem Land geht es noch besser als den meisten Armen in der Welt.“

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„Das Märchen von der Freiheit – willst Du wissen wie es ist?“ André Herzberg. Sänger, Poet, Texter. Fotograf: Thorsten Murr

André Herzberg war einmal der „Mick Jagger des Ostens“. Das war in den achtziger Jahren. In Ost-Berlin gründete er die Band Pankow, sang Songs über „Paule Panke“, „Langeweile“ und „Aufruhr in den Augen“. Es waren rebellische Zeiten: Was die Fans liebten, fürchtete die Partei. Das Video „Gib mir ein Zeichen – Aufruhr in den Augen“ verschwand in der Versenkung. Ganze Konzertmitschnitte wanderten in den Giftschrank.

Im Herbst 1989 war André Mitverfasser der Resolution gegen Feigheit und für Veränderungen im Lande. Als die Mauer fiel, stürzte die Wand ein, gegen die er anrannte. Die Wende zog ihm den Boden unter den Füßen weg. 1990 sang Herzberg  trotzig: „Ich suche das Land, wo Zitronen blühen“. Hören wollte das niemand mehr.

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„Aufruhr in den Augen“. Rebellen aus dem verschwundenen Pankow-Land. André Herzberg (rechts vorne)

Erst gut zwei Jahrzehnte später hat André Herzberg seine Sprache wiedergefunden. Er veröffentlichte seine Familiengeschichte. In seinem Roman „Alle Nähe fern“ erzählt er, wie es sich als doppelter Außenseiter in Deutschland leben lässt. Als Ost-Künstler und Sohn einer jüdischen Familie. Eine Familie, die im Leben hart zahlen musste. „Am Anfang steht ein Traum. Ich Jakob Zimmermann habe den Stein ins Rollen gebracht, meinetwegen findet ein Familientreffen statt.“

Herzberg wünscht sich keineswegs die DDR zurück. Keine NVA, in der ein Kommandeur brüllt. „Wir sind doch nicht in der Judenschule.“ Kein Plattenboss, der zynisch verkündet: „Aufruhr! Schöner Titel. Aber nicht bei mir. Vielleicht in zehn Jahren.“ André sang gegen die DDR an, die sein Vater mit aufbaute und bis zum Schluss verteidigte. Die Jahre der Nachwende mit all den Anpassern an neue Zeiten haben dem Sänger viel Kraft gekostet. Herzberg wurde belächelt, bemitleidet und vergessen.

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Unter einem deutschen Dach. André Herzberg mit Oscar. Sohn Oscar ist Artist. Andrés Vater war überzeugter Kommunist. Andrés Großvater ein angesehener deutsch-nationaler Unternehmer.

 

Sieger schreiben Geschichte, heißt es. Und am liebsten hören Sieger Verlierergeschichten. André Herzberg lächelt tapfer bei der Frage, ob er in dieses Beuteschema passt. Er zögert. Dann sagt er trotzig: „Ich bin umgehauen worden und wieder aufgestanden.“ Der Sechzigjährige grinst. „So würde ick das beschreiben wollen.“ Das Ich klingt bei ihm weiter wie ein echtes unverfälschtes –Ick. Den Berliner Dialekt hat er sich nicht nehmen lassen.

Mehr über André Herzberg und weitere Zeitgenossen der Einheitsjahre in der ZDF-Dokumentation „Zweite Heimat“. 45 Minuten. Hier geht´s zum Film.

 

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