Wie sind die Deutschen?

„Cool sind sie“, antwortet der Noch-Londoner und Bald-Berliner Museumsmann Neil MacGregor. „Sie sind das beliebteste Volk in Europa, laut Daily Telegraph. Nicht laut, rechthaberisch sondern bescheiden. Sie helfen. Aus moralischen Gründen.“ Das Publikum im Renaissance-Theater applaudiert ungläubig. Einige murmeln. Nach den Terror-Anschlägen von Paris, mitten im aufflammenden Streit um Flüchtlinge und neue Grenzen, spendet der künftige Humboldt-Forum–Chef MacGregor unerwarteten Seelentrost.

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Neil MacGregor. 1962 war er als Austauschschüler zum ersten Mal in Hamburg.

Überhaupt, die deutsche Seele. Wie stellt man diese typisch deutsche Mentalität in einem Museum aus? Der 69-jährige gebürtige Schotte hat da seine Vorstellungen. „Die Deutschen haben zwei Selbstbilder. Sie erinnern mich an das Königsdrama Hamlet. Hier der furchtlose Ritter, dort der grübelnde Melancholiker.“ Wir erinnern uns: Hamlet wusste zu viel, konnte daher nicht mehr handeln, scheiterte an sich selbst.

Zügig entwickelt der Weltbürger sein Deutschland-Bild. Er zeigt Objekte von Albrecht Dürer, präsentiert den deutschen Flickenteppich, die Kleinstaaterei des 19. Jahrhunderts mit 220 Währungen. Er betont, das Eiserne Kreuz sei aus Eisen nicht wie üblich aus Bronze. Dafür mit einem weiblichen silbernen Rand überzogen, von „Königin Luise“. Er stellt einen Neopren-Schwimmanzug vor, mit dem ein DDR-Bürger im November 1987 die eiskalte Ostsee überwinden wollte. Vergeblich. Für MacGregor ein Akt der Verzweiflung und der Perfektion der Überwachung. Der Schwimmanzug wurde nach der Wende in einem Stasi-Museum gefunden.

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„Jedem das Seine.“ Am Innentor des KZ Buchenwald. Entworfen in Bauhaus-Fraktur vom Bauhaus-Künstler Franz Ehrlich.

Geschichte anhand von konkreten Objekten erklären. Das ist sein Ansatz. Der Museumsmann zeigt die berühmt-berüchtigte Inschrift am Lager-Tor von Buchenwald. „Jedem das Seine“. Es sei eine Perversion wie die Nazis höchste deutsche Ideale vereinnahmt hätten. „Jedem das Seine“, beziehe sich nicht nur auf den altrömischen Rechtsgrundsatz „Suum Cuique“. Es zitiere eine Kantate, die Johann Sebastian Bach im nahen Weimar uraufgeführt hatte. Entwerfen musste das Emblem der inhaftierte Bauhaus-Künstler und Kommunist Franz Ehrlich. Er verwendete die Bauhaus-Schrift. Die Nazis ließen ihn gewähren. 1939 kam Ehrlich frei und arbeitete als Architekt. In der späteren DDR war er für die Stasi tätig.

In einem Satz die ganze Geschichte. Das ist die Methode MacGregor. Nun sucht er nach einem Leitbild für das neue Innenleben des Berliner Schlosses. Deutschlands künftige erste Adresse. Listig lächelt der Kunsthistoriker, als er nach seinen Plänen gefragt wird. „Wait and see“. Er müsse noch viel lernen und wolle weiter zuhören. Ach, das Bild Betty von Gerhard Richter sei auch so ein typisch deutsches Bild. Sie schaut zurück. Wohin ihr Blick künftig gehen wird, sei völlig offen. Neil MacGregor lächelt spitzbübisch. Das Berliner Hauptstadtpublikum klatscht wie befreit.

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Betty 1988. Von Gerhard Richter. Für Neil MacGregor ein sehr deutsches Gemälde.

 

Mehr über Neil MacGregor. Erinnerungen einer Nation. C.H.Beck. 2015

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