Mit Bach gegen Bomben

Wenn in Bagdad wieder eine Bombe explodiert ist, packt Karim Wasfi sein Cello aus und spielt genau dort, wo der Anschlag passiert ist. Auf der Straße. Vor Moscheen. In zerstörten Geschäften. Er improvisiert Bach, Chopin oder was ihm gerade durch den Kopf geht. Der 43-jährige Iraker will Mut machen. Ein Zeichen setzen gegen die lähmende Abstumpfung und Ohnmacht. Karim lächelt das Publikum im Berliner Radialsystem an. Musik hilft, sagen seine Augen. Musik kann eine Waffe sein. Wirksam werden gegen den Wahnsinn, gegen die tödliche Logik des Terrors.

Karim Wasfi ist Cellist, Dirigent, Komponist und You Tube-Star. Im Hauptberuf leitet das Multitalent das renommierte „Iraqi National Symphony Orchestra“. Der Sohn eines Filmstars ist im Irak und in Ägypten aufgewachsen. Nach einem verheerenden Bombenanschlag in seinem Bagdader Heimatviertel Mansour beschloss er spontan am Ort des Geschehens Cello zu spielen. Nur Stunden nach dem Attentat. Die Rettungskräfte räumten noch auf.

 

 

Zur Situation im Irak heute erklärt Karim: „Die Menschen in Bagdad sind abgestumpft. Sie nehmen die Anschläge hin. Es ist kein Eskapismus. Aber sie haben es einfach satt. Was sollen Sie tun?“ Musik könne die Angst besiegen. „Ich weiß, dass es Leute gibt, die mich hassen. Die Angst haben vor Musik. Deshalb wird weiter gebombt. Der Westen bekommt nichts mehr mit. Aber nur deshalb, weil er nichts mehr davon wissen will.“

Der stattliche Mann hat mit seiner Organisation Peace through artsFrieden durch Kunst über 900 Musiker ausgebildet. Siebzig davon spielen heute in Europa. Zudem leitet er ein Jugendorchester mit irakischen Waisenkindern. Der Musiker ist in diesen Tagen in Deutschland unterwegs, wirbt für seine Projekte: „Ich weiß, dass ich von vielen tausend Menschen Zuspruch erhalte. Ich gehöre ihnen praktisch. Es ist wichtig anderen Menschen Gutes zu tun. Egal, was du tust, es kommt immer zu dir zurück. – Musik ist gut fürs Hirn. Musik beruhigt. Musik verschafft Respekt.“

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Karim Wasfi in den Straßen von Bagdad. Quelle: SBS News

Der Iraker wird nicht müde zu betonen, dass der Bombenterror längst im Westen angekommen sei. Wegschauen gehe nicht mehr.  „Terror ist eine intellektuelle Waffe. Terror trifft den Alltag. Zerstört das Zivilleben. An jedem Ort. Terror richtet sich gegen Respekt, Mitgefühl, Kunst. Terror zerstört Kultur. Ein Ziel zu sein ist Alltag, ja Lifestyle. Musik, Bilder, Gedichte, ja die Kunst, das alles sind Ziele. Ein Angriff gegen die Normalität.“

Der Cellist organisiert Musiktherapien gegen Posttraumatische Belastungsstörungen. „Kunst kann heilen“. Im Publikum regt sich Widerspruch. Das sei zwar alles schön und gut, entgegnet eine Frau, doch ein wenig blauäugig. Es gehe um Macht, Einfluss, Rohstoffe, Erdöl.  Karim antwortet: „Irgendwann ist das Öl alle, und dann? Es macht doch keinen Sinn zu resignieren, dann haben die Täter gewonnen.“

Karim Wasfi schaut ins Publikum. Nach einer langen Pause sagt er noch: „Das Leben ist lebenswert. Es ist nicht zum Sterben da. Ein gutes Leben. Nicht ein Leben voller Angst, Terror und Einschüchterung, wo Religion zur Gehirnwäsche benutzt wird.“ Der Saal applaudiert.

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