Der entscheidende Moment

Ist es zu spät? Oder zu früh? Braucht es noch ein wenig Geduld? Manchmal sind es nur wenige Wimpernschläge. Sie entscheiden, ob der richtige Moment für ein optimales Foto erreicht ist. Aufnahmen, die außergewöhnlich sind, die berühren. Die das Lächeln und Weinen, das Hoffen und Verzweifeln in den Gesichtern unverstellt festhalten. Der Mensch, das ist ein Augentier, heißt es in einem Lied von Rammstein. Wir sind visuelle Menschen. Wir leben für den Augenblick. Und wollen ihn stets in Bildern festhalten. Wenn man das Kopfkino nur zulässt – und nicht eilig weiterklickt.

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Alltagsleben in in Shanxi, China. In der Kategorie „Daily Life“ gewann der Kanadier Kevin Frayer den ersten Preis. Quelle: World Press Photo.

Einmal im Jahr werden die besten Fotos prämiert. Diesmal fiel die Wahl auf ein Schwarz-Weiß-Foto. Schauplatz: Der neue Zaun an der serbisch-ungarischen Grenze. Tagelang begleitete der australische Fotograf Warren Richardson Flüchtlinge. Der Fotograf erlebte, wie die Polizei Jagd auf sie machte. Es war drei Uhr früh in der Nacht, als ein Mann eine Lücke fand und behutsam ein Baby durch den Stacheldraht reichte. Ein Klick. So hielt Richardson diesen Moment fest. Ohne Blitz, leicht unscharf aber voller Dramatik. Jetzt ist es das Presse-Foto des Jahres 2015. Zu sehen ist ein Bild wie ein biblisches Gleichnis, ein kurzer Augenblick, den wir normalerweise übersehen hätten.

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Pressefoto des Jahres. Der australische Fotograf nannte seine Aufnahme „Hoffnung auf ein neues Leben.“ Aufgenommen im ungarischen Röszke am 28. August 2015. Quelle: World Press Photo 2016.

 

Richardson bot das Fluchtfoto im Sommer 2015 mehreren Agenturen und Redaktionen an. Niemand wollte es haben. Die Auszeichnung als World Press Photo, der Oscar für Fotografen, könnte das Bild nun zu einer Ikone machen. Als Momentaufnahme für Flucht und Einwanderung nach Europa. Als Symbol für den unbändigen Willen von Menschen in Freiheit und Sicherheit zu leben.

Seit 1955 vergibt eine Stiftung in den Niederlanden diesen weltweit wichtigsten Preis für Fotografie. Eine internationale Jury wühlt sich durch einen Berg von über achtzigtausend Einsendungen. Gesucht wird nach dem einen, entscheidenden Foto. Keine leichte Aufgabe.

 

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Auch eine ausgezeichnete Aufnahme. Ein Verwundeter läuft nach einem Luftangriff durch die syrischen Stadt Hamouria. Sameer Al-Doumy (für die Nachrichtenagentur AFP)

 

Warren Richardson hat in jener Sommernacht geduldig und still die Flüchtenden beobachtet. Vier Tage war er mit einer Gruppe unterwegs. Er hat die Wirklichkeit an den Grenzen nicht verändert. Er hat sie einfach dokumentiert. Nicht einmal einen Blitz wollte er verwenden, um nicht die Polizei auf die Flüchtlingsgruppe aufmerksam zu machen. So hielt er bei Mondschein diesen einen Moment am ungarischen Grenzzaun von Röszke fest. Den der gelungenen Flucht. Was aus dem Mann mit dem Säugling geworden ist? Er weiß es nicht. War er der Vater? Was wurde aus dem Kind? Das erfahren wir nicht. Um diese Antworten müssen wir uns nun selbst kümmern.

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