Der Angst-Versteher

Hurra, die Welt geht unter! Die Nachrichten überschlagen sich: Dallas, Nizza, Istanbul. Angst und Schrecken machen immer fettere Beute. Menschen werden zu wandelnden Killerautomaten, Lastwagen zu Massenvernichtungswaffen und der Wahnsinn zur Methode. Jetzt ist die Stunde der Heilsversprecher gekommen. An Bahnhöfen treten die Zeugen Jehovas seit kurzer Zeit mit erhöhtem Personalaufwand an. Sie versprechen Erlösung – im Jenseits. Ist die Zeit reif, um ein Apfelbäumchen zu pflanzen? Oder vielleicht besser noch um alsbald einen Psychotherapeuten aufzusuchen?

Professionelle Hilfe wird gebraucht. In Potsdam hat Ahmed Al-hafedh derzeit regen Zulauf. Der Mann ist vierzig Jahre alt, stammt aus dem Irak. Sein Vater sitzt im irakischen Parlament. Den arabischen Seelendoktor suchen derzeit nicht nur traumatisierte Flüchtlinge oder sinnentleerte Wohlstandskinder auf. Seine Kundschaft besteht – kaum zu glauben – aus einer ganzen Reihe von Pegida-Anhängern. Ihm, dem Muslim, schenken sie ihr Vertrauen und erhoffen Hilfe. Offenbar trauen sie eher einem Araber als beispielsweise einem Wessi zu ihre Probleme lösen zu können.

 

Ahmed Al-hafedh Foto:Manfred Thomas

Dr. Ahmed Al-hafedh aus Potsdam. Foto:Manfred Thomas

 

Sie kommen zu Ahmed Al-hafedh um über Depressionen, existenzielle Ängste oder den Mangel an Selbstwert zu sprechen. Dabei schimpfen sie in der Therapiestunde manchmal über Ausländer, vergessen aber, dass sie einem gebürtigen Araber gegenübersitzen. Der studierte Wirtschaftswissenschaftler, der ein zusätzliches Diplom in Psychologie erfolgreich absolvierte, beschreibt seine Pegida-Patienten als „ganz normale Menschen“. Sie kämen aus allen Schichten der Gesellschaft. Handwerker, Mediziner und Polizisten seien dabei. Den Pegida-Anhängern müsse man Sorge und Ängste nehmen.

friedrich

Potsdamer Positionen: JEDER NACH SEINER FASSON. „Die Religionen müssen Alle toleriert werden Und der Fiskus muss ein Auge darauf haben, dass keine der Anderen Schaden tue, denn hier Muss jeder nach seiner Fasson selig werden. Fr.“ –  Friedrich II. König von Preußen. 22. Juni 1740

 

Was viele seiner Patienten eint, sei das Gefühl, „zu kurz zu kommen“ oder nicht mehr mithalten zu können. Wenn sie gehört und verstanden würden, meint Ahmed Al-hafedh, dann könnten sie extremistischen Positionen den Rücken kehren. Von Rassismus oder Fremdenfeindlichkeit kann er allerdings niemand kurieren. Das sei naiv, so etwas zu glauben. Das Führungspersonal der Pegida hält der Potsdamer Psychotherapeut gleichwohl für gefährliche, verkappte Neo-Nazis.

 

Igal Avidan hat den Potsdamer Therapeuten besucht und dessen beeindruckende Geschichte in einem SWR2-Radiofeature erzählt.

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