Bundestag Inside

Willemsens Jahr. Mit Frühling, Sommer, Herbst und Winter. Zwölf Monate lang beobachtete Roger Willemsen, wie das höchste Organ der Deutschen, der Bundestag, seinen Geschäften nachging. Was leisten Volksvertreter in einem Haus, das dem deutschen Volk gewidmet ist? Willemsen verfolgte aufmerksam große Auftritte und peinliche Begebenheiten. Das Experiment geschah bevor die AfD wie Phoenix aus der Asche der Etablierten die Bühne betrat. Willemsens Welt zeigt die da oben, die in unserem Namen entscheiden. Oder es sollten. Ein Jahr Bundestag Inside.

 

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Fleißarbeit. Berlin 2013. Ein Jahr lang verfolgte Roger Willemsen jede Plenarsitzung des Bundestages.

 

Reichstag. 16. Januar: „Die Stimmung ist inzwischen von leichtherziger Gereiztheit, die Oberfläche bewegt von stark expressivem Verhalten, von Ausrufen, Schaulachen, Gesten des Abwinkens und Fäuste-Reckens, bitteren Beschuldigungen.“ Willemsen zitiert den Schriftsteller Anton Kuh. „Im Saal herrscht schwatzhafte Zwischenaktstimmung, ein gemütliches, halblautes Bordeln“.

 

 

Reichstag. 17. Januar: „Das Prinzip der Wechselrede ist monoton: man redet gegeneinander, wird persönlich in der Verletzung, eitel im Selbstlob. … so verdichtet sich der Eindruck, dass sich dieser Apparat selbst ernährt. Seine Egozentrik lässt in manchen Debatten keinen Raum für die Welt derer auf den Tribünen. Eher geht es, von hier oben gesehen, um Betrachtung und Erhaltung des Status quo, also mehr um einen Zustand als um eine Bewegung.“

 

Reichstag. 21. Februar: „Die Situation umfasst das Künstlichste, was es in Kommunikationssituationen geben kann: Zwiesprache mit einer Abwesenden, Verletzungen ohne Körper, Beleidigung ohne Adressaten, Appelle ohne Gegenüber.“

 

Reichstag. 18. April: „Jemand steht am Pult und nimmt doppelt Recht für sich in Anspruch: das Recht zu reden und das Recht in der Sache. (…) Sie sind schon wieder auf einem guten Weg. Die politische Rhetorik schließt diesen Weg notorisch ein. (…) Dass wir vor Herausforderungen stehen, heißt ja auch bloß, dass wir bisher zu wenig getan haben. (…) Man kann die Würde des Hauses also nicht auf die Sprache übertragen. Denn diese muss, Friedrich Hölderlin zufolge, nicht vor allem gesprochen, sondern bewohnt werden. Wird sie es nicht, klingt sie wie aus dem rhetorischen man gesprochen.“

 

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Im Zeichen des Adlers. Reden, Reden, Reden. Zuhören? Verstehen? Ändern?

 

Reichstag. 15. Mai: „Ich nenne es das „Hohe Haus“ mit schwankenden Amplituden, weil es mir manchmal prachtvoll erscheint, weil es einfach wunderbar ist, einem repräsentativen Kollektiv beim Wägen von Wichtigkeiten zu folgen. Im nächsten Augenblick aber bin ich abgestoßen von dem Bodensatz, der aufgewirbelt wird, wo niedrigste Beweggründe unterstellt werden und jede höhere Idee brüskiert, gekränkt, wenn nicht verraten wird.“

 

Reichstag. 19. Dezember: „Dieser Typus ist neu: Die ganze Aufmerksamkeit der Rednerin ist auf die Vermittlung gerichtet und diese entsprechend effekthascherisch. Sie arbeitet also weniger am Thema als an der gelenkten Rezeption des Themas und treibt so die Auflösung der Politik in Public Relations voran – auch diese eine voraussichtliche Entwicklungslinie der künftigen parlamentarischen Kultur“.

Roger Willemsen. Hohes Haus. 2014.

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