Verdammt niemals zu sein

Berlin ist die Stadt der Projekte. Jeder, der etwas auf sich hält, steckt gerade in irgendeinem – Projekt. Kein Wunder: Bezahlter Erwerbsarbeit geht gerade die Luft aus. So existieren jede Menge Projekte, die Vergangenheit, Gegenwart oder Zukunft der Menschheit aufarbeiten. Projekte, die Beziehungen und kommunikative Prozesse erforschen. So werden rundum Geist, Körper und Seele erkundet. Hauptsache, es ist ein Projekt. Alles fließt. Nichts muss, jeder nach seiner Fasson. Berlin ist die ungekrönte Stadt der projektgeförderten Träume.

 

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Karl Scheffler, 1910: „Berlin ist dazu verdammt: Immerfort zu werden und niemals zu sein.“

 

Trotz aller aktuellen Irritationen. Nicht Trump, Putin oder Le Pen geben den Ton an. Der Berliner Zeitgeist beharrt auf selbstbestimmter Egomanie. Die oberste Maxime lautet. Lebe dein Leben. Aber lass mich in Ruhe. Kurzum: „Berlin ist dazu verdammt: Immerfort zu werden und niemals zu sein.“ So sah 1910 der Kunstkritiker Karl Scheffler die aufstrebende Reichshauptstadt. Sein Essay „Berlin – ein Stadtschicksal“ erschien vier Jahre vor Ausbruch des I. Weltkrieges. Es ist das Verdienst von Florian Illies, die bestechende Polemik Schefflers über den Berlin-Boom wiederentdeckt zu haben. Altes neu entdeckt.

 

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Karl Scheffler, 1910: „Berlin war lange Zeit nicht ein Ziel, sondern bestenfalls eine Etappenstation an der Karawanenstraße.“

 

Für den gebürtigen Hamburger Scheffler ist Berlin eine Kolonisten- und Pionierstadt. Ein Ort ohne Tradition. „Berlin war lange Zeit nicht ein Ziel, sondern bestenfalls eine Etappenstation an der Karawanenstraße. Ein Zufluchtsort für solche, die nichts zu verlieren haben. …. Die neue Stadtbevölkerung, die die statistischen Ziffern ruckhaft in die Höhe schnellen machte, war jung, rücksichtslos und unternehmend.“ Scheffler sieht einen „ungeheuren Mischmasch, in Sidney und Chicago kann es so bunt nicht hergegangen sein.“

 

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Karl Scheffler, 1910: „So kommt es, dass Berlin nicht das Resultat eines Stadtbewusstseins ist, sondern ein Produkt des Baumarktes.“

 

Berlin sei die hässlichste Metropole der Moderne, klagt Scheffler. Der Grund: „Der Mittelstand hat sich ohne Einschränkung zum Anwalt des Kapitalismus gemacht, zum Anwalt aller kapitalistischen Tugenden und Laster. Er betet den Amerikanismus an, weil er sich selbst darin wiederfindet, und gibt sich der Gottheit der Quantität uneingeschränkt hin. … Denn nicht die verantwortlichen Behörden haben Berlin und seine Vororte nach einheitlichem Plan gebaut, sondern ein Haufen profitgieriger, geistig verblödeter und rohe Spekulanten hat die Stadt und ihre Vororte angelegt. … Ob man am Alexanderplatz wohnt oder in Steglitz, Tempelhof oder Pankow, das ist ziemlich dasselbe. … So kommt es, dass Berlin mit all seinen Vororten nicht das Resultat eines Stadtbewusstseins ist, sondern ein Produkt des Baumarktes.“

 

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Karl Scheffler, 1910: „Die Annahme, die Provinz hasse und verabscheue Berlin, ist nur zum Teil richtig.“

 

Die Deutschen pflegten eine stabile Hassliebe zu ihrer neuen Hauptstadt. Scheffler: „Die Annahme, die Provinz hasse und verabscheue Berlin, ist nur zum Teil richtig. Man hat in der Provinz wohl den Instinkt für die Unproduktivität des hauptstädtischen Geistes, und man höhnt über jede sichtbare Unzulänglichkeit; aber daneben herrscht allgemein auch Neid auf die Genüsse, die die Großstadt zu bieten hat.“

Scheffler beschreibt den Durchschnitts-Berliner als zugereisten Parvenü, der großmäulig und kleingeistig seine Rolle als Hauptstädter ausübt: „Jeder hält sich für gut und richtig nur was er sagt. Unter hundert Berlinern gibt es nicht zwei, die zuzuhören verstehen.“

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