„Mein Gott“

Berlin. Die endlos lange U7 in Richtung Neukölln. Es ist 12 Uhr mittags. Ein Sonnabend im Advent. Der Zug ist gut gefüllt. Ein beleibter Straßenmusiker betritt die U-Bahn. Sofort legt er auf seiner Gitarre los. Er singt ein amerikanisches Weihnachtslied. Die Fahrgäste ertragen es teilnahmslos. Keiner schaut hin. Wie immer. Am Ende seines Liedes wünscht der Musiker mit deutlich britischem Akzent „Merry Christmas. Frohe Weihnachten. Salam Aleikum.“ Der Gitarrist zückt seinen Hut für Trinkgeld, als ein Mann mit Bart, Mitte dreißig, mit lauter Stimme ruft: „Du hast meinen Gott beleidigt.“

 

Ein Straßenmusiker in der U-Bahn. Großstadt-Alltag. Mal mehr, mal weniger gut. Weglaufen geht nicht.

 

Für einen kurzen Moment herrscht Stille im Abteil. Ich sitze drei Reihen entfernt. Anspannung liegt in der Luft. Plötzlich geht der Mann an der Tür auf den Musiker los. Beide beschimpfen sich. Der Bärtige hebt die Fäuste. Er brüllt voller Wut: „Du hast Allah beleidigt. Du bist ein…“ Der Musiker wiegelt ab. „Ich habe allen ein frohes Weihnachten gewünscht. All People here. Mehr nicht.“ Der Bärtige hebt die Fäuste. Der Musiker ruft: „Damned. Ich kenne viele Leute von der Kripo. Du hast mir nichts zu verbieten!“ Sie stehen sich gerade mal eine Armlänge gegenüber. Der Vulkan droht zu explodieren. Da geschieht in der U7 ein kleines Wunder.

 

Weihnachtswünsche auf Arabisch beleidigen Gott?

 

Eine kleingewachsene schmale Frau springt aus dem vollen Abteil herbei. Sie geht dazwischen, redet auf den Bärtigen ein. Er solle sich wieder einfangen, der Musiker habe es nicht so gemeint. „Vertragt Euch“, ruft sie. Und: „Nicht hier. Das geht gar nicht.“ Ein kräftiger Vater, der mit seinem Kinderwagen direkt neben den Männern steht, schiebt seinen massiven Körper zwischen die Kontrahenten, drängt den schimpfenden Muslim ab, trennt die Streithähne. Eine zweite, großgewachsene Frau, Mitte vierzig, eilt hinzu. Stellt sich beschwichtigend vor den Bärtigen. Das alles geschieht in wenigen Sekunden. Der Zug hält am nächsten Bahnhof an.

Die Kampfhähne steigen an verschiedenen Türen aus. Sie rufen sich weiter Flüche und Schimpfwörter zu. Ihre Wut hallt durch den Bahnhof. Aber: sie gehen getrennte Wege. Die Prügelei wegen Gott, Weihnachten und Salam Aleikum blieb um eine winzige Haaresbreite aus. Die Türen schließen. Die U7 fährt weiter Richtung Hermannplatz. Rasch stellt sich die übliche U-Bahn-Anonymität wieder ein. Doch alle atmen spürbar auf. Die drei beherzten Mitfahrer haben durch ihr Eingreifen Schlimmeres verhindert.

 

Angst, Frust und Wut fahren in der U-Bahn auf engstem Raum mit – umsonst. Aber manchmal geschehen kleine Wunder.

 

Eine kleine bizarre Alltagsepisode, verstörend, aber nicht mehr. Ich hätte sie sicher wieder vergraben. In der Großstadt ist das Aggressionspotential stets auf hohem, leicht erregbarem Level. Man lernt damit umzugehen. Aber die kleine Szene geschah wenige Tage vor dem Anschlag auf den Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz. Da konnte keiner mehr dazwischen gehen. Eine bange Frage bleibt: An was für einen Gott muss dieser Mann glauben?

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