Frischer Frisch

Im Geschichtenerzählen ist Volker Schlöndorff ein Meister. Genau wie Max Frisch, der Schweizer Groß-Schriftsteller. Filmregisseur Schlöndorff ist mit seinen 77 Jahren mittlerweile fast so alt wie sein lebenslanges Vorbild Frisch, der sich 1991 für immer verabschiedete. Beide sind als unermüdliche Story-Teller jung geblieben. Das zeigt Schlöndorffs Berlinale-Premiere Rückkehr nach Montauk. Ein einsamer Leuchtturm markiert den Sehnsuchtsort unerfüllter Leidenschaften. Sein Feuer strahlt weit an der windumtosten Südspitze von Long Island dicht vor New York.

 

„Jeder erfindet sich früher oder später eine Geschichte, die er für sein Leben hält.“ Max Frisch (1911-1991)

 

In Montauk geht es um eine alte Liebe. Genauer: Um die Sehnsucht nach der leidenschaftlichen Liebe, die sich weder abnutzt noch klammheimlich erlischt. Max Frisch, der Geschichten anprobierte wie Kleider, pilgerte tatsächlich in den siebziger Jahren mit der halb so alten Alice Locke-Carey zum Leuchtturm von Montauk. Was folgte? Ein wildes Wochenende des damals 63-jährigen Max mit der 31-jährigen Verlagsangestellten. Montauk, mon amour. Das war die wahre Geschichte. Er machte daraus einen Roman. Die amour fou hielt genau ein Wochenende lang. Die beiden trennten sich nach ihrer Rückkehr wortlos im Verkehrsgewühl von New York City.

 

Max Frisch und Alice Locke-Carey. Foto: Isolde Ohlbaum

Max Frisch und die Frauen. Für den Schweizer Moralisten ein großes Lebensthema: „Höllenfahrt und Erlösungssehnsucht“. So beschrieb er seine kurze, verrückte, heftige Affäre mit Ingeborg Bachmann. Frisch musste sie erobern. Die junge aufstrebende Lyrikerin – das Covergirl der Gruppe 47. Für eine Verabredung mit ihr schwänzte er sogar seine eigene Buchpremiere. Literatur als Ehebruch. Junge Frauen als Werkzeug. Max Frisch war stets ehrlicher Chronist des eigenen Ichs. Seines Verlangens. Hoffens. Scheiterns.

 

Volker Schlöndorff. (77) Der große Geschichtenerzähler des deutschen Kinos.

 

Volker Schlöndorff folgt einmal mehr den Spuren des kauzigen Schweizers. Mit Rückkehr nach Montauk setzt er Frisch und seinen eigenen Fantasien ein filmisches Denkmal. Nina Hoss und der Schwede Stellan Skarsgard spielen das ungleiche Paar. „Für einen starken Moment im Film verrate ich auch ein Stück meines Lebens“, sagt Schlöndorff im Interview. Als ich nachfrage, ob er mit Nina Hoss ein Wochenende in Montauk verbringen wolle, leuchten seinen Augen. Er wechselt in die dritte Person: „Der Regisseur Volker Schlöndorff war vom ersten Drehtag an total verknallt und ist es noch wenn er sie sieht. Dabei weiß ich gar nicht, wer Nina Hoss wirklich ist. Wir haben ja nur zusammengearbeitet. Ich weiß von ihrem Leben fast nichts.“

 

Leuchtturm von Montauk. Südspitze von Long Island.

 

Nina Hoss gibt im Film tapfer die abgebrühte, coole, unnahbare New Yorker Anwältin. Sie ist die Trophäe im Spiel um Eroberung und Bestätigung. Natürlich lässt sie den grantigen Alt-Dichter abperlen, um später doch  ein Wochenende mit ihm am Leuchtturm zu verbringen. Nina Hoss zu ihrer Rolle: “Meine Figur ist nicht die Hauptfigur, sie ist eine Projektionsfläche. Es geht nicht um sie. Es geht um die Idee von ihr. In der Hinsicht ist sie ein Objekt. Dann nimmt sie irgendwann die Geschichte an die Hand und dreht das um.“

 

Stellan Skarsgard und Nina Hoss als Max und Rebbeka in Rückkehr nach Montauk.

 

Auf meine Frage, wie viel Schlöndorff in diesem Film steckt, lacht sie lauthals: „Ich habe ehrlich gesagt nicht danach so gefragt, weil das ja auch etwas sehr persönliches ist. Aber ich habe es gespürt.“ So ist das mit älteren Männern. Das Verlangen hört wohl nie auf: „Ihr seid eine spezielle Spezies“, lächelt Nina Hoss vielsagend. „ Frauen nehmen mehr wahr. Auch wenn man es nicht generalisieren darf. Ich erlebe es öfter bei Männern, dass sie erst im nachhinein die Dinge verstehen – nicht währenddessen“.

Das Altern ist eine schleichende, kaum zu akzeptierende äußere Verwandlung. Was der Spiegel bei aller Eitelkeit aber nicht verrät, die Sehnsucht hält sich tapfer-trotzig jung. „Ich weiß nicht, ob das mit den älteren Männern aufhört. Wahrscheinlich nicht“, ergänzt Nina Hoss mit einem Blick, irgendwo zwischen Verständnis, Ironie und Mitleid. Liebe. Das Feuer, an dem man sich so schnell verbrennt.

 

Sonnenuntergang in Montauk, Long Island, USA.

 

Rückkehr nach Montauk. Ab Mai 2017 in den Kinos.

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