Frühlingsgefühle

„Frühling lässt sein blaues Band, wieder flattern durch die Lüfte.“ Eine Landpartie in die Prignitz. Der polnische Abschleppwagen steht hilflos am Wegesrand. Der Fahrer winkt mich herbei. Ich halte an. Er zeigt mir einen Fahrzeugschein. Auf der Kopie steht: Bantikow. Der Mann hat sich in der brandenburgische Einöde völlig verfahren. „Wo ist dieses Ort? Wohin muss isch fahrren“, radebrecht er. Ich versuche ihn in die richtige Richtung zu bugsieren. Er lächelt dankbar. „Gut, dann links, muss Auto abcholen…“ Er wird wohl noch lange unterwegs sein.

Am Kirchlein von Wulkow in der Nähe von Kyritz (natürlich an der Knatter), frisch restauriert, steht eine schmucke Bank. „Gespendet von: 10 Jahre Camerata.“ Eine Frau mittleren Alters geht mit einer Harke zum Friedhof. Ich frage sie nach den Bankspendern. „Camerata, das sind Leute aus Berlin. Die leben im Gutshaus. Das sind Musiker. Die sind ganz bekannt“, sagt sie. Was für Musik machen sie denn, frage ich. Sie hebt hilflos die Schultern. „Na, auch hier in der Kirche. Die spenden dann die Einnahmen für den Erhalt. War alles verfallen. Die Kirchenleute aus Kyritz haben damals in der DDR den ganzen Altarschmuck mitgenommen.“ – Ist es klassische Musik? – „Oh, ja. Aus Berlin.“ – Haben die etwas mit den Philharmonikern zu tun? – „Genau. Wenn Sie das so sagen.“

 

Die Weiden blühen auf.

 

Jetzt erzählt sie bereitwillig vom Gutshaus, in das die Musiker eingezogen sind. Die Treuhand habe die Grundstücke parzelliert und einzeln verkauft. Eine große Sauerei. Jetzt sei der wunderschöne Park für die Einheimischen gesperrt. Überall Zäune. Jeder denke nur noch an sich. Eine alte Nachbarin habe noch bei den Herrschaften im Gutshaus gewohnt. Feine Herrschaften seien das gewesen.  – Man merkt, wie die alten Zeiten sich mit einer ungestillten Sehnsucht nach einer überschaubaren Welt verheiraten. Heute lebe jeder nur noch für sich. Dabei ist die Frau höchstens fünfzig. Sie grüßt freundlich zum Abschied.

 

„Horch, von fern ein leiser Harfenton! Frühling, ja du bist’s! Dich hab‘ ich vernommen!“ Mörike (1828)

 

Der Verlag Hentrich & Hentrich hat sein Prignitzer Landsitz wieder aufgegeben. Der „Cultur Gasthof Teetz“ steht zum Verkauf. Knapp ein Jahrzehnt haben die Städter mit Konzerten und Lesungen, Yoga und Käsekuchen durchgehalten. Am Ende herrschte im Kulturhof eine eher unfrohe Stimmung, obwohl das riesige Anwesen bis unter die Decke mit Büchern vollgestopft war. Ein Antiquariat der Weltgeschichte, mitten in einem Dorf am Ende der Welt. Es sollte wohl nicht sein. Geblieben ist die Badestelle an der Dosse. Ganze Familien baden im Sommer am Fluss. Eine Mischung aus Zilles Milieu und Astrid Lindgrens Bullerbü. Die Kinder kreischen und lachen. Großmütter bringen den Kleinen die ersten Schwimmzüge bei. Träge fließt das Flüsschen dahin. Der Sommerwind trocknet die Haut. Alle laufen barfuß. Ein Milan zieht seine Kreise.

 

Abendstimmung in der Prignitz.

 

An einer knorrigen Kastanie ist ein Zettel angepinnt. Dort steht: „Nicht die Zeiten ändern sich, gleich bleiben Frühling und Winter, gleich unsere Herren und Henker, was sich ändert, sind wir Menschen.“ Darunter folgt noch: „Ostpreußische Landarbeiter-Weisheit.“ Wer das wohl angebracht hat?

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