Für Verliebte

Berlin und Brandenburg? Das sind doch Szenen einer Ehe! Wenig erbaulich, oder? Die einen sind laut, die anderen stur. Große Klappe trifft märkische Meckerköppe. Stadt auf Land. Ost auf West. Eine eingetrocknete Liebe, bei der wenig sprüht und vieles schief gelaufen ist. Es gibt jedoch einige wenige Orte, in denen Ablenkung und Leichtigkeit möglich erscheint. Rheinsberg ist so ein magischer Ort. Eine Kleinstadt mit hübschem Schloss, frischgetünchte Fassaden und dem Charme einer Puppenstube. Dazu viel Wasser, Kiefern, Musenorte und Musik.

Vor über hundert Jahren brach ein Berliner Pärchen auf. Sie wollten ihrer Sehnsucht ein Ziel zu geben. „Das Land wurde wellig in der Ferne, versteckte ein Wäldchen und zeigte ein anderes – man freute sich im Grund, dass alles da war.“  Endstation Sehnsucht. Stille Tage in Rheinsberg. „Noch brausten und dröhnten in ihnen die Geräusche der großen Stadt … der Lärm ihres täglichen Lebens, den sie nicht mehr hörten, der eine bestimmte Menge Lebensenergie wegnahm, ohne dass man es merkte. Aber hier war es nun still, die Ruhe wirkte lähmend, wie wenn ein regelmäßiges Geräusch plötzlich abgestellt wird.“

 

Landpartie in Brandenburg. Ein Wochenende für Verliebte. Rheinsberg, mon amour.

 

So erreichten Wolfgang und Claire das märkische Refugium, in dem sich der Alte Fritz als  junger Friedrich sehr wohl fühlte:  „Es fehlte jene leise Unregelmäßigkeit, die einen Raum erst wohnlich erscheinen lässt, hier stand alles im rechten Winkel zueinander. Sie gingen in den Park. An einem kleinen Rondell schimmerten weiße Figuren aus dem Blätterwerk. Ein Satyr lehnte an einem Baumstumpf, mit gesenkter Flöte, ein Faun stach eine fliehende Nymphe. Das Schloss leuchtete weiß, violett funkelten die Fensterscheiben in hellem Rahmen von staubigen Lichtern rosig betupft, alles spiegelte sich im klaren Wasser.“

Dem jungen Manne floss 1912 die Feder über. In Rheinsberg öffnete er sein Herz, ließ die Gefühle galoppieren. Sein Name: Kurt Tucholsky. „Was war, von oben betrachtet, ein Liebender? – Ein Narr. Wenn sich ihm das geliebte Herz eröffnete, schwieg er satt und zufrieden. Ganze Literaturen wären nicht, riegelten die Mädchen ihre Türen auf.“ Das Verlangen nach Liebe sei Liebe, dichtete der junge Poet. Und weiter: „Was ist das, das uns forttreibt, weiter, höher, vorwärts? Und es gibt keine tiefere Sehnsucht als diese: die Sehnsucht nach Erfüllung. Sie kann nicht befriedigt werden.“ Ach, diese Unbeschwertheit einer Sommerfrische am Wochenende: „Der Himmel war klar, noch einmal gab der Sommer seine Wärme.“

 

1912 schrieb Kurt Tucholsky „Ein Bilderbuch für Verliebte.“ Zeitlos schön.

 

Alle Rheinsberg-Zitate finden sich in Tucholskys Bilderbuch für Verliebte. Einige Jahre später, es war 1920, beklagte Frauenversteher Tucholsky in seinem Gedicht „Mikrokosmos“, „dass man nicht alle haben kann -!“ Seine damalige Ehefrau Else Weil, das berühmte Clairchen von Rheinsberg, notierte nach der Trennung vom Meister im März 1924: „Als ich über die Damen wegsteigen musste, um in mein Bett zu kommen, ließ ich mich scheiden.“

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