Oh! Obama

„Du siehst mich“, heißt es auf dem Kirchentag. Ein Bibelwort. Es erzählt von der geschundenen Magd Hagar auf der Flucht. Gott sieht die Ägypterin in ihrer Not, heißt es, sieht hin. Hilfe und Schutz für Bedrängte und Benachteiligte. Das ist die Klammer auf dem Berliner Kirchentag 2017. Wo man hinkommt, geht es um die Frage, wie unsere Gesellschaft mit Krieg, Flucht und Vertrauensverlust in die Eliten umgeht. Hinsehen, nicht wegschauen.

Bunt, vielfältig und weltoffen. So präsentiert sich der Kirchentag im Herzen der deutschen Hauptstadt am Brandenburger Tor. Als Barack Obama und Angela Merkel die Bühne betreten, braust ein Jubelsturm wie bei Popstars auf. Oh – Obama, erschallt es. Die 70.000 sind ergriffen. Der Ex-Präsident der USA präsentiert sich selbstbewusst und bescheiden zugleich. Er sei hier gerne zu Gast, jetzt aber als einfacher Bürger und Ruheständler. Obama verteidigt seine Amtszeit und Merkels Flüchtlingspolitik. Der 55-jährige ruft die Jugend zu einem Neuanfang auf. „Die Welt steht an einem Scheideweg“. Sich hinter Mauern abzuschotten, bringe gar nichts. Obamas Botschaft kommt in der einstigen Mauerstadt gut an.

 

2008 trat Barak Obama aus seiner United Church of Christ-Gemeinde in Chicago aus. Der Grund? Rassistische Äußerungen seines Pfarrers.

 

Im Zentrum der Jugend am Anhalter Bahnhof sind die Jugendlichen begeistert. Wen ich auch frage, Obamas Traum von einer besseren Welt, der möglich sei, findet begeisterte Anhänger. „Jeder kann von uns etwas bewegen“, sagt eine Zwanzigjährige. Ihre Freundin ergänzt: „Es hilft. Es ist ein erster Schritt.“ Ein Student überlegt und meint: „Obamas Statement sind nicht nur leere Worte auf dem Kirchentag“. Ein anderer meint: „Wir brauchen ganz schön viele Obamas. Vor allem in der zweiten, dritten und vierten Reihe.“

 

Im Zeichen des Kreuzes.

 

Neue Helden braucht das Land. Vorbilder, Vordenker, verlässliche Hoffnungsträger. Die Sehnsucht ist groß. Zumal selbsternannte Führer und Heilsbringer sich an jeder Ecke anbieten. Auf den zahllosen Foren, Konzerten, Lesungen und Gottesdiensten gibt es kaum etwas, was nicht verhandelt wird. Von Themen wie „Wir schaffen das – aber wie?“ bis „Feministinnen aller Religionen“. Vom „lustigsten Seelsorger Deutschlands“ bis zum muslimischen Slam-Poetry-Event „i, Slam“. Der Kirchentag – ein Kessel Buntes.

 

 

 

Im Tempodrom reimt Wort-Akrobat Sami El Ali über irre Internet-Prediger. „Das Paradies ist nicht weit entfernt – um genau zu sein nur einen Knopf.“ Das Publikum klatscht befreit. Der Austausch der Religionen ist hier Praxis. Auf Augenhöhe, mit Witz und Schlagfertigkeit. Wer ist für Poetry-Slammer Sami ein Vorbild? Gott, Obama oder der Muezzin? – „Mein großer Bruder“, lacht er, „alles, was er mir beigebracht hat, war positiv“. Sami braucht keine Helden. „Obwohl Obama? Aber ich kenne ihn nicht persönlich. Er hat sich bei mir noch nicht vorgestellt…“

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