Willy Wichtig

Mitten in einer kalten Februar-Woche. Eine Landpension in Mecklenburg. In der Gaststätte wärmt ein Holzofen Herz, Seele und Füße. Wir setzen uns, freuen uns auf ein Schnitzel mit Bratkartoffeln. Am Nachbartisch ein einsamer Leser. Sein Buch verschönt er sich mit einem großen Pils. Aus den Augenwinkeln mustert uns der Mann. Er sieht aus wie eine Mischung aus Karl Marx und Waldschrat.

Rasch mischt er sich ein. Er kenne den Norden, komme aus Schleswig-Holstein. Ehrliche gerade Menschen. Glücklich, nicht verbogen oder verlogen wie die Berliner. Er sei Waldbesitzer, Windparkbefürworter, streite gegen Massentierhaltung und Behördenwillkür. Überall herrsche Unfähigkeit. Der Kneipen-Philosoph bestellt sein fünftes Bier. Wir merken. Hier ist ein großer Welterklärer zugange. Widerspruch zwecklos.

 

 

Der Typ Handlungsreisender weiß alles, kennt alles, kommentiert alles. Die Hosenträger geben seinem massiven Körper Halt. Als sein Handy im Kirchenglockensound fröhlich bimmelt, frohlockt der Endsechziger – die „Sterbensglöckchen“ läuten. Mittlerweile seziert er die Lage der Nation. „Politiker? Alles Verbrecher. Ist doch so? Traut sich nur keiner offen zu sagen!“ Ein Prost auf den deutschen Wald. In dem lässt er Rumänen arbeiten. Karl Marx im Mecklenburgischen braucht Publikum. Anerkennung. Bestätigung. Zustimmung.

 

 

Meine Kollegen haben sich verdrückt. Dann kommen sie wieder. Leben heißt eigentlich aussuchen. Hier auf dem Land gibt es keine Wahl. Die Pension an einer Bundesstraße ist die einzige weit und breit. Nach 20 Uhr ist rundum Zapfenstreich. Der Welterklärer bestellt sich sein siebtes oder achtes Bier. Er wirkt wie ein entlaufenes Zootier. Mächtig, tapsig, auf der Flucht. Auch ich will nur noch weg. Dieser Mann liebt den großen Monolog. Er spricht unablässig. Beamte und Arbeit? Geht das? Na! Der größte Irrtum seit Adam und Eva. – Wir hören nicht mehr zu. Er lacht über seine eigenen Witze.

Eines will ich noch wissen. Was liest dieser Mann, wenn er nicht andere zutexten kann? Ich frage ihn. Das Buch liegt offen vor ihm auf dem Kneipentisch. Das sei nichts für Weicheier. Er blättert in den Seiten. Dann zeigt er stolz den Umschlag. Das Buch sei von Felix Steiner. Hoher SS-General. Die Freiwilligen. Lange nach dem Krieg habe der Waffen-SS-Mann Kameradschaft und Treue hochleben lassen. So etwas gebe es heute nicht mehr. Das war 1958. Das Jahr, in dem ich geboren wurde.

 

Paul Cezanne. Der Trinker.

 

Die bärtige Zufallsbekanntschaft testet meine Reaktion. Na, dann nochmal Prost auf den deutschen Wald, hebt er an. Und auf Steiner. War doch nicht alles schlecht damals, oder? Der kräftige Mann leert sein neuntes oder zehntes Glas und erklärt, er komme aus einer SS-Familie. Die nächste Lokalrunde gehe auf ihn, auch für uns am Nachbartisch. Ein cleverer Anschlag auf unsere Moral: Das nächste Bier umsonst oder lieber prinzipienfest verweigern? Wir entscheiden uns für Rückzug. Rasch leeren wir die Gläser. Dann schleichen wir uns von dannen, während der Bärtige sein zehntes oder elftes Bier bestellt.

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