Vorwärts im Verkehr

Eine deutsche Innenstadt, beliebig wo. Egal welcher Größe, Baustellendichte oder Schönheit. Auf engstem Raum tummeln sich Fußgänger, Radfahrer, Lieferanten und Autofahrer jeglicher Couleur. Es mutet so manches Mal an, wie der tägliche Überlebenskampf um Vorfahrt, Rechthaberei und Schnelligkeit. Me first! Jeder gegen jeden. Die Ellbogengesellschaft zeigt ihre Krallen. Rote Ampeln sind nur noch eine Option. Der Rest ist eine Frage der Nervenkraft.

 

 

Der Zeitgeist tritt in die Pedale. Die wachsende Radfahrerzunft steht immer häufiger im Mittelpunkt. Fahren auf Bürgersteigen, gegen die Richtung, ohne Licht, jedoch stets mit der selbstbewußten Haltung moralischer Überlegenheit. Moral Hazard nennen das Wissenschaftler. Der  Freifahrtschein für eigene Regeln, Leichtsinn und Risikobereitschaft. Man kann sich ja moralisch im Recht wähnen. Merksatz: Radfahrer sind Umweltfreunde, folglich keine Luftverpester, folglich bessere Verkehrsteilnehmer. Regeln im Alltag werden neu- oder umdefiniert. Oder sie gelten nur noch für die anderen. Ausweichen wird zur Bürgerpflicht.

 

 

Was tun gegen Rüpelradler? Schauen wir genauer hin. Unter der Schlagzeile „Radfahrer-Rowdie“ meldet ein deutsches Blatt:

„Mit dem zunehmenden Radfahrsport hier und in den beiden Nachbargemeinden mehren sich leider auch die Unarten, welche sich gewissenlose Radfahrer zu schulden kommen lassen. So hätte leicht gestern Abend ein Radfahrer auf der Westernstraße eine Dame überradelt, wenn diese im kritischen Augenblick ihre Geistesgegenwart nicht bewahrt hätte.

Der Radfahrer fuhr im schnellsten Tempo ohne irgend ein Glocken- oder Warnungszeichen die Straße entlang und rempelte dabei eine die Fahrbahn ahnungslos überschreitende Dame mit seinem Rade dermaßen an, dass das Kleid derselben sich bereits in den Speichen des Rades zu verwickeln begann. Statt sich nun wegen seiner Ungezogenheit zu entschuldigen, bezeugte der, anscheinend den „besseren Ständen“ angehörende Radler seine Bildung in einer Flut unflätiger Schimpfworte und suchte dann sein Heil in möglichst schneller Flucht.“

Dieser Bericht über einen sogenannten Rüpel-Radler ist im Harzstädtchen Wernigerode erschienen. Geschehen im Sommer 1901.

 

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