Süßer Schlaf

Immer hellwach. Morgen, mittags, abends, nachts. Tempo. Termine. Tausendfach trainiert. Bloß nicht schlafen! Nicht im Theater, nicht bei der Lesung oder im Opernhaus. Giacomo Puccini hat sich in seiner Oper Turandot mächtig ins Zeug gelegt. Zu Beginn des dritten Aktes lässt er den Prinzen Kalif schmettern. Er will seiner Angebeteten imponieren: „Nessun dorma, nessun dorma, Tu pure, o principessa – niemand schlafe, niemand schlafe, auch du Prinzessin…“ Und dann nickt der Zuhörer entspannt ein.

 

 

Altmeister Loriot hat recht. Es gibt nur noch wenige öffentliche Bereiche in unserer Effizienzgesellschaft, in denen der Mensch ungestört bei sich sein kann. Die Mühen des Tages geschafft, das Konzert im letzten Moment erreicht, Parkplatz ergattert, Tasche und Mantel an der Garderobe deponiert, zum numerierten Platz über die Nachbarn gestiegen. Und dann!

 

 

Das Licht geht aus. Es ist wohlig warm. Der Sauerstoffgehalt sinkt. Töne erklingen und verschwimmen. Der Kopf senkt sich. Die Beine werden schwer. Ruhe kehrt ein. War da noch was? Das ist wahre Lebensfreude. Die Kultur der Stille, die wahre Kunst der Kontemplation, bis zum ersten Schubs von der Seite. Der strafende Blick der hellwachen Begleiterin.

 

 

Es fällt auf, dass bei Loriot nur die Herren der Schöpfung gleich nach den ersten Tönen hinweg dämmern. Selten sind Männer so friedlich und solidarisch wie in diesen Momenten. Also doch! Kultur kann unser Leben in der Turboleistungsgesellschaft beeinflussen und bereichern. Wer will da noch wach bleiben, wenn es auf der Bühne heißt: Nessun dorma!!!

 

PS

Nach einer Studie der DAK-Krankenkasse sind Schlafstörungen bei Berufstätigen im Alter von 35 bis 65 Jahren seit 2010 um zwei Drittel gestiegen. Demnach seien insgesamt 34 Millionen Bundesbürger davon betroffen. (Gesundheitsreport 2017)

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