Expressgeschwindigkeit

„Die Menschen leben, denken und arbeiten nun mit Expressgeschwindigkeit. Sie haben ihre Zeitung in aller Frühe am Frühstückstisch liegen, und wenn sie es zu eilig haben sollten, die neuen Nachrichten noch während des Frühstücks aufzuschnappen, können sie diese mit sich tragen, um sie während der Fahrt zu lesen, was ihnen keine Zeit mehr dafür lässt, mit dem Freund zu plaudern, der das Abteil mit ihnen teilt.”

 

 

Das schrieb William Smith Morley – und wer unter den geplagten Digitalskeptikern würde da nicht sofort seufzend zustimmen wollen? Der US-Autor und Zeitkritiker notierte diesen Gedanken allerdings im Jahre 1886. Die Schuld an der aufkeimenden Ungemütlichkeit gab er damals “dem Aufkommen der billigen Zeitungen”. Heute kämpft diese Verlagsbranche ums Überleben. Zeitungen sind nur noch etwas für Ruheständler und Urlauber. Der Durchschnittsbürger verbringt mittlerweile mehr Zeit mit seinem Smartphone als mit Partner, Kind oder Hund.

Was tröstlich ist: Schon vor über hundert Jahren fürchteten Menschen das Aufkommen neuer und bis dahin auch in ihrer Geschwindigkeit unbekannten Medien. Ich weiß nicht, ob die Menschen damals schon Sätze sagten wie “Früher war alles besser”, ausschließen sollte man es nicht. Das Ritual jedenfalls wiederholte sich über die Jahrzehnte. In den dreißiger Jahren des letzten Jahrhunderts warnten Filmemacher vor dem Aufkommen des Tonfilms. Das sei der Untergang der Filmkunst. In den siebziger Jahren war es schick, über die Gefahren des Fernsehkonsums zu wettern. Neil Postmans prophezeite “Wir amüsieren uns zu Tode”. Besser als sich zu langweilen kontert der heutige User mit einem Achselzucken.

 

 

Wahrscheinlich bleibt die Klage über die Expressgeschwindigkeit ein zuverlässiger Wegbegleiter. Frei nach dem Motto: Der Stress von heute ist die „gute alte Zeit“ von morgen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.