Salvador Dali Die zerrinnende Zeit.

Keiner vermisst dich

Er trug eine orangefarbene Joggingjacke. Dunkle Jogginghosen. Weiß-Rote Laufschuhe. In den Taschen waren zwei Schlüssel. Aber kein Ausweis. Kein Smartphone. Keine Kreditkarte. Einfach nichts, was der Person einen Namen oder eine Adresse geben könnte. Der Joggingmann brach Mitte März nach einer Herzattacke in einem Berliner Park zusammen. Seitdem liegt der über sechzigjährige Läufer im Koma – aber niemand vermisst ihn. Auch über drei Monate nicht nach der Attacke.

Alle Vermisstenaufrufe der Polizei bleiben seit Monaten erfolglos. Kein Angehöriger, Bekannter oder Nachbar meldet sich. Niemand vermisst den Mann mit der „gepflegten Erscheinung“, ohne Bauchansatz und einer Zahnprothese. Er stürzte offenbar nach zehn Minuten, so die Ermittler, die seine Pulsuhr auswerteten. Der unbekannte Jogger liegt seitdem auf einer Intensivstation. Hochmoderne Apparatur verlängert künstlich sein Leben.

 

Was bleibt? Zwei Schlüssel. Aufgefunden beim Jogger. Foto: Berliner Polizei

 

Der einsame Läufer von Berlin-Wilmersdorf. Ein bedauerliches Großstadtschicksal? Oder doch die große Ausnahme? Einsamkeit ist schrecklich, aber auf erhabene Art, sagte einmal der Philosoph Immanuel Kant. Es ist einfach nur schrecklich, wenn man die Geschichte des Parkläufers nur einige wenige Windungen weiter denkt. Da ist nichts Beruhigendes, nichts Erhabenes. Nur Fragen, die sich auftun: Was war das für ein Leben? Wenn einen niemand vermisst: Keine Ehefrau. Kein Sohn, keine Tochter. Kein Freund, kein Nachbar. Keine Liebschaft oder Kollege. Kein Trinkbruder, kein Lebensgefährte gleichwelcher Art.

In einer Neuköllner Wohnung wurde Ende Juni die Leiche eines Mannes von der Feuerwehr geborgen. Erst beißender Verwesungsgeruch hatte Nachbarn alarmiert. Die Türe musste gewaltsam geöffnet werden. Der Mann wurde in einem schrecklichen Zustand aufgefunden. Da war er bereits sechs Wochen tot. Seine Abwesenheit war niemandem aufgefallen. „Wir haben das öfter“, erklärte ein Feuerwehrsprecher achselzuckend.

 

„Einsamkeit ist schrecklich, aber auf erhabene Art.“ Immanuel Kant.

 

Freiheit bedeutet am Ende und in aller Konsequenz totale Einsamkeit. Ob der Mann in der Neuköllner Mietwohnung oder der Jogger im Park diese Konsequenz freiwillig gewählt haben, wissen wir nicht. Auch nicht, wer am Ende entscheidet wie lange die Maschinen weiter das Leben des Koma-Patienten in Gang halten. So tropft die Zeit aus der Wanduhr der Intensivstation. Ungeküsst hängt der Läufer an Schläuchen. Brauchte Liebe. Fand keine. Träumte vom Glück. Und lebte offenbar mutterseelenallein. Ach, bei Erich Kästner heißt es am Ende. „Einsam bist du sehr alleine.“

Update – Überraschende Wendung

Am 12. Juli 2018 nach vier Monaten intensiver Fahndungsaufrufe in der Öffentlichkeit erkannte ein Berliner Nachbar des Vermissten den Schlüssel. Der unbekannte Jogger ist nun identifiziert. Die Polizei erklärte: „Es handelt sich um einen 74-jährigen Deutschen mit iranischen Wurzeln“. Der Mann war laut Behördenauskunft alleinlebend und muss sehr zurückgezogen gewesen sein. Niemand hatte sich über den verstopften Briefkasten gewundert.

Niemand hatte ihn vermisst.

 

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