Sehnsucht nach 68?

War da was? Sehnsucht nach Revolte? Nach Aufbruch und Veränderung? Die Zeichen stehen heute eher auf Resignation und Komfortzone. Rückzug aufs Sofa. Viele treibt momentan eher die Sehnsucht nach Einfachheit an. Das Leben ist zu kompliziert. Viele fühlen sich gestresst und überfordert. Folgerichtig frönt der Zeitgeist dem Privaten, flüchtet ins Landleben oder folgt gar den Parolen der Nationalisten und Vereinfacher. War das vor fünfzig Jahren anders? 1968 etwa?

 

Gretchen Dutschke und andere 68er in der Berliner Kulturbrauerei.  Foto: Haus der Geschichte.

 

Hört man die Hits von 1968, so tickte der Mainstream kaum anders. Heile Welt statt Hektik. Der zwölfjährige Heintje eroberte mit „Mama“ die Herzen älterer Damen. Peter Alexander schmetterte die Familienhymne „Papa wird´s schon richten“. Gitte schoss sich mit „Ich will einen Cowboy als Mann“ in die Hitparade. Den populären Soundtrack zur Revolte hingegen bedienten am ehesten die Beatles mit „Revolution“ oder die Stones mit „Street Fighting Man“. Mythos 68. Es war der kleine Tummelplatz einer studentischen Minderheit. Hoch ambitioniert, stark verkopft, jedoch mit großer Langzeitwirkung.

 

 

Was waren die 68er? Ein Glücksfall oder ein gewaltiger Irrtum der Geschichte? Heute gelten die 68er als maßlos überschätzt, größenwahnsinnig, fehlgeleitet und selbstverliebt. Oder erfanden sie am Ende doch eine neue Republik, eine andere Gesellschaft? Keine Generation ist so umstritten, wird derart gefeiert oder gebasht wie diese Männer und Frauen, die längst in Rente oder Reha sind oder mittlerweile den Rollator zu schätzen gelernt haben. Obwohl: Nicht wenige der führende Köpfe von einst werden weiter in Talkshows und Dokus gebucht, obwohl sie stramm auf die achtzig zusteuern. Revolte hält jung.

 

Uschi Obermeier 2018. Foto: Jim Rakete

 

Was war 68 los? Was ist aus den Veteranen geworden? Eine anregende Spurensuche führt in die Berliner Kulturbrauerei. Dort zeigt die Ausstellung „Die 68er“ Momentaufnahmen von damals und heute. Eine spannende Mischung. Jim Rakete porträtierte die Helden von damals in großflächigen Schwarz-Weiß-Bildern. Raketes Lehrmeister Ludwig Binder hielt die Ereignisse auf den Straßen und Plätzen West-Berlins fest. Der verstorbene Fotograf war eine Art Chronist der Studentenrevolte. Der junge Jim Rakete schleppte seinem Meister Geräte und Stativ hinterher – zu den Orten des Geschehens. So fotografierten sie in der ersten Reihe vor dem Springer-Hochhaus oder flitzten im Slalom durch die Reihen um bei den Straßenschlachten Deckung vor Steinwürfen und Schlagstöcken zu finden.

 

Rainer Langhans 2018. Foto: Jim Rakete

 

Zu sehen sind Bilder, die zum Entdecken einladen. Bilder von Hoffnung, Scheitern und Vergänglichkeit. Ein Eindruck stabilisiert sich am Ende, verstetigt sich von einem Gefühl zur Gewissheit. Diese 68er-Generation ist so heterogen und bunt wie ein orientalischer Flickenteppich. Die Farbschattierungen reichen von Uschi Obermeier bis Ulrike Meinhof. Von Stefan Aust bis Horst Mahler. Von Joschka Fischer bis Alice Schwarzer. Von Rainer Langhans bis Rudi Dutschke. Hingehen!

 

„Straße der Besten“? Die 68er. Eine Ausstellung in der Kulturbrauerei Berlin.  Foto: Haus der Geschichte.

Die 68er. Fotografien von Ludwig Binder und Jim Rakete. Kulturbrauerei Berlin. Eine Ausstellung des Hauses der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland. Bis 7. Oktober 2018.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.