Schön, allein zu sein?

Dirk kramt umständlich einen Zettel aus der Tasche seiner Jogginghose. „Das ist die Nummer von Rosalie. Mein letzter Kontakt zur Außenwelt!“ Der Mann starrt mich mit leerem Blick an. Rosalie oder Rosi war seine polnische „Perle“, seine Putzfrau. Sie ist längst nach Hause zurückgekehrt. Dirk, Mitte sechzig, ist in Berlin geblieben. Allein unter Millionen. Er atmet schwer. Hilf mir, sagen seine Augen. Nur wie?


Unser Gespräch hat vor kurzem genau so stattgefunden. In einem leeren Aufenthaltsraum eines großen Berliner Krankenhauses. Dirk heißt in Wirklichkeit anders. Alles andere stimmt. Er hat keinen Menschen mehr, der ihn besucht, mit ihm redet, sich mit ihm unterhält, streitet, lacht oder weint. Einfach niemand. Als er jünger und „fitter“ war, hatte er „dufte Kumpels“ in seiner Stammkneipe. Aber offenbar keine echten Freunde. Verwandte und Geschwister hat er nicht mehr. Die Mutter war „vor den Russen“ aus Ostpreußen geflohen. Der Vater im Krieg geblieben.

Er ist über seinen „verfluchten Rolli“ gestürzt. Mehrere Rippen hat er sich gebrochen. Gebrochen wie sein Herz. Das ist schon viel länger krank. Kein schöner Zustand: Allein in Berlin. Dirk redet wie ein Wasserfall. Ich sitze ihm gegenüber, muss als ehrenamtlicher Betreuer nur zuhören. Mehr braucht er nicht. „Was soll ich jetzt tun?“ Er schaut mich groß an. „Zurück in meine Ein-Zimmer-Bude? Oder besser in eine betreute WG?“ Er wartet eine Antwort gar nicht ab, plappert weiter.  Das Amt vertröste ihn seit Wochen. Jetzt wolle er unbedingt aus dem Krankenhaus wieder raus. Das ist doch kein Leben mehr.

Jeder zehnte Deutsche leidet an Einsamkeit, sagen Studien.

Dirk ist einer der vielen einsamen Wölfe, die unerkannt durch unsere Städte ziehen. Sie machen sich unsichtbar. Werden übersehen. Einsamkeit ist ansteckend. Wer will sich diesen Virus schon einfangen? Einsamkeit ist so gefährlich wie 15 Zigaretten täglich, hat eine Studie festgestellt. Hirnforscher Manfred Spitzer behauptet in seinem neuen Buch sogar: „Einsamkeit ist das neue Rauchen. Saufen. Dicksein zugleich.“ Hat Spitzer Recht? Das würde am Ende doch bedeuten dass der dicke aber gesellige Trinker länger lebt?

In Berlin ist jeder zweite Haushalt ein Single-Haushalt. In jungen Jahren ist diese Wohnform sicher ein erstrebenswerter und freiwilliger Zustand. Im Alter sieht das Single-Leben anders aus. Hausärzte berichten, dass mittlerweile jeder zweite ältere Patient kommt, um „einfach mal wieder mit einem Menschen reden zu können“. Die neue Selbsthilfeorganisation Silbernetz versucht seit einem Jahr gegenzusteuern. Ihr Angebot: ein Notfalltelefon. Persönliche Gespräche statt Facebook oder Fernsehen. An Weihnachten wird der Bedarf wieder nach oben schnellen. Das Silbernetz-Motto: „Keine Frage zu groß. Kein Problem zu klein. Kein Grund, damit allein zu sein.“

„Einsamkeit. Schmerzhaft. Ansteckend. Tödlich.“ Das behauptet Manfred Spitzer, Uni Ulm.

Dirk ist aus dem Krankenhaus entlassen worden. Wie er sich entschieden hat, weiß niemand auf der Station.

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