Alles ist möglich


Berlin. I love you. Nun entdeckt Hollywood die einstige Mauerstadt. In einem neuen Werk deutsch-amerikanischen Filmschaffens wird der komplette Berlin-Hype der letzten Jahre verrührt. Golden Twenties, Nazis, Kommis, Mauer, Kreuzberg, Love Parade, Flüchtlinge, lange Nächte. Zuvor feierte Babylon Berlin den Mythos Berlin der zwanziger Jahre. Mit Charleston, Ragtime und Swing als Parkettfeger. Dazu Männer mit dicken Zigarren, Frauen an der Stange und jede Menge Glückspieler. Ferner Cabaret, Gigolos und Ganoven.  Allesamt mit Hut oder Bubikopf. Auf alle Fälle voller Testosteron.

Der Trailer zum neuen Berlin-Film. Längst ein Aufreger in den Netzwerken. Motto: So ist Berlin aber nicht…

Aus dem Zwanziger Jahre Babylon Berlin ist nun die brummende Boomtown der heutigen Zehner Jahre geworden. Ein Schlaraffenland  für Investoren, Projektentwickler, Makler, Glücksritter. Die Preise explodieren. Globalisierungsgewinner jubeln. Angestammte Ortsansässige müssen weichen. Auch 45 Jahre treue Mieterschaft zählt nicht. „Es gibt kein Naturgesetz, das mir das Recht gibt, für immer in meiner vertrauten Umgebung zu bleiben.“ So beschreibt der Berliner Vorsitzende des Eigentümerverbandes „Haus & Grund“ kühl den coolen Zeitgeist der neuen Belle Époque.

Alles ist möglich. Der Berliner Alltag bietet weitere vielfältige Höhepunkte. Teure Buden. Überfüllte Bahnen. Überforderte Bürokratie. So wartet ein junges Paar mit einem zwei Wochen alten Baby zwei Mal stundenlang im Amt ohne eine Geburtsurkunde zu bekommen. Am Ende werden die Eltern auf einen Termin acht Wochen später vertröstet. Die Folgen sind fatal. Ohne Geburtsurkunde gibt es in Berlin kein Kindergeld, kein Elterngeld, keinen Kita-Platz. Dafür beträgt die Wartezeit wiederum sechs bis zwölf Monate oder mehr. Apropos Urkunde. In Zeiten massenhaften Zuzuges und ausgepowerten Behörden, die über dem Limit sind, kann eine Sterbeurkunde bis zu sechs Wochen oder länger dauern.

Wenn die U-Bahn mal wieder nicht kommt. Oder der Kontrolleur vor einem steht. Der offizielle BVG-Werbefilm „Is mir egal“.

Behördengänge sind in der einstigen Hauptstadt Preußens dienstags besonders herausfordernd. Da gibt es für Berufstätige verlängerte Öffnungszeiten. Welch ein Glück! Aber behördenintern heißt dieser Tag schlicht Schladi-Tag. „Scheiss langer Dienstag.“ Da sinkt die Laune der Beschäftigten auf den gefühlten Nullpunkt. Rechnen Sie als Bürger mit allem, nur nicht mit rascher Erledigung Ihres Begehrens. Eine interne Anweisung lautet: „Anliegen, welche weitergeleitet werden, erhalten den Status ‚Bearbeitung‘. Nach Eingang der entsprechenden Rückmeldungen erfolgt eine Änderung des Status auf ‚erledigt‘. Eine Qualitätsprüfung erfolgt nicht.“

Natürlich ist im Hollywood-Film alles anders. Da erleben wir wilde Affären, Verwechslungen, ein paar Problemchen und am Ende ein stabiles Happy End. Berlin. I love you. So soll es sein. Ab Mai in den Kinos. Da ist dann auch das Wetter besser.

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