2. Mai 1989. Ungarn. Als in Europa Grenzen fielen. Quelle: Bundesregierung

Ein Wort zu viel

Dieses Jahr feiert Europa das dreißigste Jahr des Mauerfalls. 1989 – ein Epochenjahr. Das Ende des Eisernen Vorhangs. Anlass für eine fröhliche Party? – „Unsinn. 1989 ist das Jahr der  Trauer. Ein Ärgernis. Eine Katastrophe.“ Das sagt Gaspar Miklos Tamás, der ungarische Architekt des Systemwechsels von 1989. Der Ungar ist siebzig Jahre alt, aber im Kopf hellwach. Philosoph, Parteigründer, Abgeordneter, Vor- und Querdenker.Die Wende hat keine Fans in Osteuropa. Im Gegenteil Freiheit ist nur noch ein Kampfbegriff. Eine leere Hülse.“ Was ist passiert?

Tamás, in Ungarn nur GMT genannt, wurde 1948 in Rumänien geboren. Er wuchs als Angehöriger der ungarischen Minderheit auf. Seine Eltern waren begeisterte Anhänger des Sozialismus. Doch sie rieben sich rasch an Apparatschiks, Mangel und Willkür auf. „Von meinen Eltern erhielt ich eine tadellose antikommunistische Erziehung“, lächelt Tamás. Im damaligen System von Nicolae Ceaușescu genügte ein falsches Wort. Als 26-jähriger Jung-Autor wurde er gefragt, welchen Beitrag er zum Jahrestag des „Geliebten Führers“ und „Sohn der Sonne“ schreiben könne. GMT antwortete nur: „Keinen.“ Am nächsten Tag verhaftete ihn die Securitate.

Gaspar Miklos Tamás. „Mauerfall? – Kein Grund zur Freude. Eine Katastrophe.“

GMT versuchte sein Glück in Ungarn. Auch dort eckte er an, erhielt Berufsverbot. Im März 1988 forderte er als Erster in Ungarn öffentlich freie Wahlen. Heimlich gründete er die Liberale Partei. Anfang 1989 veröffentlichte er sein Manifest „Abschied von der Linken“. Es wurde zum Signal für die ungarischen Konservativen. Im Spätsommer 89 kollabierte das alte System. Ein gewisser Viktor Orban, in den Achtzigern Jungfunktionär bei den Kommunisten, bewunderte Gaspar Miklos Tamás. Folgerichtig nannte er 1992 seinen Sohn Gaspar.

Nach der Wende ging Soros-Preisträger Tamás ins Ausland, lehrte in Yale und Oxford. Er blieb in seinem Denken kritisch, unabhängig und visionär. Mit den gewendeten Regierungen kam er nicht klar. 2001 gründete er den ungarischen Ableger von Attac. Der Mann, der wie der Pole Adam Michnik oder der Tscheche Václav Havel zu den osteuropäischen Intellektuellen gehört, die als Bürgerrechtler gegen die kommunistischen Diktaturen kämpften.

„Ausgang geschlossen“. Gesehen in Budapest. Das Ungarn von heute. Orban führt. Wer nicht mitmacht, bleibt draußen.

Bittere Pointe des Schicksals. 2011 wurde Tamás in seiner Heimat als Direktor der Akademie der Wissenschaften entlassen. Von wem? Von seinem einstigen Bewunderer Viktor Orban, auch dieser einst ein George Soros-Stipendiat. Tamás konstatiert: Die neue neoliberale Zeit habe für viele im Osten den Verlust von Arbeit, Wohnen, Respekt, Stabilität und Sinn des Lebens bedeutet. Aber nur die Nationalpopulisten hätten einfache Antworten gegeben. Tamás heute: „Unsere Gesellschaften stehen irgendwo zwischen Wurzellosigkeit, Barbarei und Untergang. Wir müssen uns darauf einrichten, dass Systeme wie das von Putin, Erdoğan oder Orbán für Jahre oder vielleicht Jahrzehnte bleiben werden.“

Trotz Orbanismus und Berufsverbot streitet GMT unverdrossen weiter. „467 Sender und Redaktionen, rund achtzig Prozent der Medien sind in Ungarn auf Orban-Kurs. Eine liberale Öffentlichkeit ist nur noch eine Farce, eine Subkultur.“ Zehntausende hätten in Ungarn ihren Job verloren oder seien ausgewandert. „Es ist ein Klassenkampf von oben. Dummerweise gibt es keinen Widerstand. Nur Stille.“

Budapest heute. Ungarn einst „fröhlichste Baracke des Sozialismus“, heute – so Tamás – ein Land, „irgendwo zwischen Wurzellosigkeit, Barbarei und Untergang“

Auch auf der Leipziger Buchmesse warb der ungarische Freigeist für ein offenes Europa. Er sagt: „Das wirklich Gefährliche ist: unser Land ist wie ein Haus ohne Ausgänge. Keine Türen, keine Fenster. Eine geschlossene Gesellschaft. Bei Feuer besteht größte Gefahr.“ Ist die Episode der 89er-Freiheit unwiderruflich vorbei? Gewinnen die Orbans im Namen von „Vaterland, Christentum, Familie, Treue, Glaube, Liebe und Nationalstolz“, wofür sie so viel Beifall erhalten.

Ob es dieses Jahr 2019 nicht doch etwas zu feiern gebe, wird GMT gefragt. „Doch. Dieser unbändige Freiheitswille von 1989, dieses Freiheitspathos, das war ein Augenblick von sehr großer Schönheit. Das bleibt.“ Gaspar Miklos Tamás schaut fröhlich in die Runde, als wisse er, dass sich Zeiten sehr wohl auch wieder ändern können.

GMT in Genf zur Lage in Europa. Vortrag vom 28.11.2017

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