monika1607 Osterfeuer

Zu viel Hitze

Es musste wohl so kommen. Das Osterfeuer fiel aus. Zu trocken, zu warm, zu hohes Risiko. Waldbrandstufe 4 im April. Die offizielle Absage. „Unvorstellbar. Das kannste einfach nicht glauben. Ist doch Wahnsinn!“ Seit Menschengedenken treffen sich die Menschen des Dorfes einmal im Jahr am Feuer. Arm und reich. Alt und jung. Einheimische und Zugereiste. Stille und Laute. Klugscheißer und Güllefahrer. „Ich kann mich nicht erinnern, dass wir schon einmal absagen mussten“, grübelt der Feuerwehrchef. Er hat Katastrophen, Herrscher und Besserwisser kommen und gehen sehen. Aber das hat er noch nie erlebt.

Der Feuerwehrchef kratzt sich nachdenklich an der Stirn, senkt leicht die Stimme. Das macht er immer, wenn er etwas wirklich Wichtiges loswerden will. „Furztrocken. Wald. Holz. Acker, Böden, Wege.“ So ist das im Jahr 2019. Bereits das zweite Mal diese verdammte Trockenheit. Kein Regen. Immer Sonne. Die Menschen in der Mark Brandenburg fühlen sich wie in der Sahelzone. Die vielen Berliner am Bierstand nicken zustimmend. „Das geht auf keine Kuhhaut.“ Schnell ist die nächste Runde am Getränkewagen der Freiwilligen Feuerwehr bestellt. Ein Euro der Becher. Da läuft der Gerstensaft.

Seit Menschengedenken auf dem Land eine Tradition: das Osterfeuer. Was passiert, wenn es ausfallen muss?

Wer ist an der ganzen Misere schuld? Wer verantwortet Trockenheit, Dürre, Hitze? – Pause. Schweigen. Dann purzeln beim munteren Schwarzen Peter-Spiel die Schuldigen wie die Milchkannen beim Dorffest wenn sie beim Weitwurfwettbewerb über die Wiese scheppern. – Der Russe ist schuld. Putin. – Quatsch. Das ist der Ami. Trump, der Obergauner. – Ach, Iwo. Der Chinese heizt uns ein. – Quatsch. Die feinen Herren von Daimler. Die Zocker von den Banken. – Nein, die Israelis. – Hey. Jetzt pass auf, was du sagst. – Es sind die Scheichs, die uns mit ihrem Öl vollpumpen.  Alles Unsinn! – Schuld sind die Gottlosen, die uns in den Untergang führen, entgegnet einer. – So ein Blödsinn. Die Geldgierigen sind es, die Liberalen. – Nein! – Doch! – Schuld sind die Hipster, die jedes Wochenende woanders hinfliegen. Schon mal was vom ökologischen Fußabdruck gehört? – Von was? – Ach, es sind die Neo-Liberalen, die den Karren in den Dreck fahren. – Nee, es ist der Günther, der fährt jetzt einen 3-Liter-SUV. – Willst Du eine auf die Zwölf?

Spät am Abend wummert es aus einem der geduckten Häuser an der Dorfstraße: Smoke on the water. Fire in the sky…

So geht der Streit putzmunter weiter. Nur unterbrochen durch die nächste Runde, das Bier zu einem Euro aus dem Feuerwehrhahn. Und noch eine, und noch eine. Löschen ist wichtig in diesen trockenen freudlosen Zeiten. Osterfeier ohne Osterfeuer? Geht doch gar nicht! Am späten Abend wanken die Osterfeuerlosen nach Hause. Zurück vor ihre Fernseher, in ihre Hotelzimmer oder schicken Ferienwohnungen. Irgendwo wummert noch „Smoke on the water, fire in the sky“. Das Fass ist leer. Und nicht nur die Herzen voll. Am Ende ist es dann doch wie jedes Jahr. Hat etwa jemand das Feuer vermisst?

2 comments

  • ulrich lipkulrich lipka

    lieber herr läpple,

    so sinnse, unsere mitdörflerinnen und mitdörfler !
    alles furchtbar, aber anfangen sollen erstmal die anderen. übrigens, hatten unlängst julie zeh bei uns im gespräch (D-Kultur)
    ein satz von ihr ist mir besonders in erinnerung: demokratie kann man nicht konsumieren.

    beste grüße aus woltersdorf
    von uli lipka

    p.s.
    wann war nochmal euer theaterfestival?

    • CLaepple

      Theater ist wieder ab Ende Juni bis Ende August. Wie immer gibt es „Unter dem Milchwald“, den Netzeband-Klassiker von Dylan Thomas,
      dann das Familienstück „Der schlaue Urfin und seine Holzsoldaten“ und ab 2. August eine Neuinszenierung „Ellernklipp“,
      von wem? Natürlich von Fontane. Muss ja so sein, zum 200. Geburtstag.

      Mehr unter https://theatersommer-netzeband.de

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