Gehe durch Memphis

Wo ist unten? Das fragte vor fast neunzig Jahren der begnadete Hans Fallada in seinem Klassiker „Kleiner Mann – was nun?“. Unten ist, wo auch nach monatelanger verzweifelter Suche für eine kleine Familie mit Murkel unter dem Bauch alle Türen zugeknallt werden. Selbst im zweiten Hinterhof, parterre, Klo auf halber Treppe. „Das ist unten, das ist das Ende, das ist der Verzicht auf das eigene Leben … ein schmieriger Holztisch, drüben er, hüben sie, im Bett plärrt das Kind…“. Aber auch parterre links blieb für die Pinnebergs unerschwinglich. Berlin, 1932. Was danach kam, wissen wir.

Und heute? Manchmal hilft ein Blick über den Gartenzaun. Besser über den großen Teich. Schauen wir nach Memphis am Ufer des Mississippi, tief im Süden der USA. Dort wird im Hollywood Café preisgünstig Catfish (Wels) serviert. Dort predigt am Sonntag Reverend Al Green in seiner Gemeinde gegen Armut, Trostlosigkeit und Langeweile an. Oh Lord, genau hier ist die Heimat von Gospel und Soul. Songs, die unter die Haut gehen. „Wenn du denkst, du hast alles verloren, Unsinn. Die Musik können sie dir nicht nehmen.“ Halleluja, sagt Rev. Greene.

 

 

Einer nahm diesen Spirit auf. Marc Cohn. Das war vor fast dreißig Jahren, als in Europa die Mauern fielen. In Memphis, USA blieb alles beim alten, nur Gospelsongs wärmten das Herz. Marc Cohn wurde zu einem dieser weißen Hoffnungsträger dank seiner unglaublich ausdrucksstarken, schwarzen Stimme. Er stromerte durch Memphis. Erkundete Bars, Hinterhöfe, parterre rechts und sang im Gottesdienst mit. Er landete mit „Walking in Memphis“ Anfang der Neunziger einen Welterfolg.

Dann wurde es um den Mann still. Marc Cohn, Sohn einfacher Eltern, wurde früh Waise. Seine jüdischen Eltern mussten immer ums Überleben kämpfen wie die Pinnebergs im Berlin der zwanziger Jahre. Sie starben früh. Armut schändet nicht, heißt es, aber verkürzt die Lebensspanne.

 

 

Nach seinem Hit Walking In Memphis plagte ihn neun Jahre lang eine Schreibblockade. Ihm fiel nichts mehr ein, dem Mann mit dem Memphis-Hit, der in New York lebt. 2005 überlebte er einen Kopfschuss, als er mit Suzanne Vega in Denver ein Konzert zum falschen Zeitpunkt am falschen Ausgang verließ. Er hatte unvorstellbares Glück. Es war ein Weckruf. Er textete wieder, trat öffentlich auf. In diesem Sommer veröffentlichte er nach langer Pause sein neues Album Work to do – gemeinsam mit den „Blind Boys of Alabama“. Ein Album zum Niederknien. Bodenständig, bewegend und prallgefüllt mit Herzblut. Soul, Blues und Gospel vom Feinsten, wie sonntags bei Reverend Al Greene in Memphis, Tennessee.

 

 

Oh, Lord. Walking in Memphis.

 

Marc Cohn. 2016. Quelle: wikipedia

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