Joe Cocker. süddeutsche.de

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Er litt an Kinderlähmung, malochte fünf Jahre als Gasklempner, abends probte er in verqualmten Übungskellern seiner Heimatstadt Sheffield. John Robert Cocker. Besser bekannt als „Joe“ Cocker. Dieser ungelenke schüchterne Junge wollte sein Leben nicht als Klempner beenden. Aber er hatte etwas, was man weder kaufen noch lernen kann. Eine Stimme, die alles konnte. Die schrammte, klagte und kratzte, verzauberte und zu Tränen rührte. Anfangs coverte Cocker berühmte Songs von den Beatles oder Billy Preston. With a little help from my friends – machte Joe Cocker dann über Nacht weltberühmt. Seine geniale Beatles-Version rockte er auf die Bühne von Woodstock. In gut acht Minuten räumte er 1969 das Original zur Seite, ließ es einfach vergessen. In zehn Minuten faszinierte Cocker 1988 Zehntausende DDR-Sachsen, die völlig ausflippten.

 

Joe Cocker 1988 in Dresden. Konzert an den Elbwiesen, sorry, auf der Cockerwiese.

 

Cocker entwickelte sich folgerichtig zum Idol der Babyboomer-Generation. Die Wohlstands-Glücks-Kinder des Westens, eher sorglos in den Fünfzigern und Sechzigern des letzten Jahrhunderts in das aufziehende Wirtschaftswunder hineingeboren. Joe Cocker lebte den Nachkriegskids das wilde, unangepasste Leben vor, was sie heimlich bewunderten sich aber nie auszuleben trauten. So eroberte der Vater der Luftgitarre die Bühnen, pumpte sich mit Drinks und Drogen voll, stürzte ab, ging pleite, musste in den Entzug. Doch der Mann mit den verschwitzten T-Shirts stand immer wieder auf. Lange musste er vor allem deshalb touren, um seine Schulden bezahlen zu können.

 

 

Cocker schaffte es zum Liebling der Deutschen. Zweimal trat er mit seiner Band in der DDR auf. 170.000 Fans pilgerten nach Berlin-Ost und Dresden. Die Elbwiesen heißen bei den sächsischen Babyboomern noch heute respektvoll Cockerwiese. Seine Auftritte machten ihn zu einem der Helden der heute 60+ -Nach-Woodstock-Generation. Längst hat Cockers Liedgut die Stationen der Pflegeheime erobert. Und Cocker selbst? Der Sheffielder Junge starb vor genau fünf Jahren in der einsamen Bergwelt seiner Mad Dog Ranch in Colorado, USA. Todesursache: Lungenkrebs. Tröstlich: seine Stimme lebt weiter und wird wie guter Wein immer besser je älter sie ist.

 

 

 

Und wir Babyboomer? Träumen weiter desillusioniert vom wilden Leben eines Rockstars. Lesen auf dem Sofa Bücher über die zartbittere Zumutung des Älterwerdens. Was tun? – Bauch einziehen? Sneakers kaufen? Etwas Durchgeknalltes machen? Alle Verflossenen zum Dinner einladen? Oder die Haare einfach wachsen lassen? – Geht bei den Männern meistens schief und führt bei Frauen zielgerichtet in die Winterdepression. Was bleibt? Ach, die zeitlose Souveränität eines Cockers-Songs wie Up where we belong. So sehnen wir uns weiter nach dem Superstar mit Haarausfall, der das Bier für die nächste Runde höchstpersönlich holt. War doch nicht alles schlecht – damals.

 

Joe Cocker. 20. Mai 1944 – 22. Dezember 2014.     Quelle: Wikipedia.

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