Sandra H. Dahab im Frühjahr 2020.

Aus der Neuen Welt

Anfang der achtziger Jahre tauchten erste Aussteiger auf. Sie mieteten in einem Dorf am Sinai für einen Dollar die Nacht Schlafplätze in verlausten Hütten. Ausgangspunkt für eine neue Welt am Roten Meer. Schwarz vermummte Beduinenfrauen trafen auf bekiffte Europäer in Sandalen, kurzen Hosen und mit „schwabbelnden Busen“. Anfangs gab es weder Wasser noch Strom. Dafür lange Nächte am Strand, „Gelbsucht, Syphilis, jeder mit jedem“. So schilderte Wibke Bruhns die Landnahme durch Backpacker. Ab der Jahrtausendwende entdeckte der Massentourismus Dahab. Das Beduinendorf verwandelte sich in einen angesagten Hotspot für Taucher und Kurz-Urlauber. Übrigens auch für uns.

Und heute? Seit Monaten herrschen Stille und Leerstand im einstigen Aussteiger-Paradies. Ein Situationsbericht über den Corona-Blues nach dem Boom von unserer Freundin Sandra H. Sie lebt seit vielen Jahren in Dahab.

 

Es war einmal. Täglich flogen zahlreiche Airlines den Sinai an. Zum Beispiel Air Berlin. Auch das war einmal. Aufnahme von 2011.

 

„Man hat es recht gut hier in Dahab, es regnet nur an fünf Tagen im Jahr und meistens ist der Himmel blau. Der Ort lebt vom Tourismus (Tauchsport, Surfen, Kitesurfen, Freediving) im eher kleinteiligen Maßstab, und hat seit Ewigkeiten einen Ruf als Hippie-Hangout. Früher für Touristen aus aller Welt, mittlerweile auch innerhalb Ägyptens. Allerdings haben sich die internationalen Communities seit dem arabischen Frühling stark ausgedünnt, viele Paare mit einem europäischen Eheteil sind samt Kindern abgewandert, da es immer wieder sehr magere Zeiten im Tourismus gab. Wer immer noch regelmäßig kommt, liebt Dahab sehr und stört sich nicht daran, dass es schon seit langem keine Direktflüge mehr gibt.

Zum Beispiel meine deutsche Nachbarin, die auch mit einem Ägypter verheiratet war und seit einigen Jahren Witwe ist – die Familie hatte hier ihr Ferienhaus, und sie kommt gerne immer noch, manchmal mit ihrer Tochter, und verbringt relativ große Teile des Winters hier in Dahab. Sie war hier als Corona ausbrach, und zunächst waren wir uns einig, dass es ein besserer Ort ist um Krisenzeiten auszusitzen als ihre Heimatstadt Berlin.

 

Auf dem Landweg vom Flughafen Sharm El Sheikh nach Dahab.

 

Die Bevölkerung ist eh nicht groß, Dahab ist nicht dicht bebaut (maximal dreigeschossig), und es gibt viel Luft und Auslauf in menschenleeren Gebieten. Doch dann kam der Tag als im ‚Nachbarort‘ Sharm El Sheikh (100 km entfernt) in einem Hotel infizierte Ukrainer entdeckt wurden – die Armee rückte ein und begann die Dinge zu regeln. Dazu wurden mal eben auf dem gesamten Sinai alle Telefonnetze und das Internet abgeschaltet. An diesem Tag versuchte ihre Tochter sie den ganzen Tag vergeblich zu erreichen – und besorgte ihr am selben Abend noch ein Rückflugticket. Meine Nachbarin ging schweren Herzens – aber die Tochter ist ihre ganze restliche Familie, und da wollten sie lieber näher beieinander sein. Sie flog am 17. März – am 30. März wurden alle Flughäfen für Auslandsflüge geschlossen. Die Nachricht erwischte viele Wintertouristen kalt, nach dem Tag ohne Internet besorgte sich auch der niederländische Herr im anderen Nachbarhaus ein Ticket für einen verfrühten Rückflug.

 

 

Gar nicht mehr bis zu uns gekommen war eine Bekannte, die oft herkommt als Yogalehrerin – sie sollte am 20. März anreisen, wollte drei Wochen bleiben und sollte ein paar Oster-Goodies mitbringen. Ihr Flug wurde am 15. März abgesagt – keine Schokoladenostereier…

Eine andere große Dahab-Liebhaberin hat sich vorletztes Jahr mit ihrem Mann eine Ferienwohnung gekauft und wollte in diesem Jahr ein dreimonatiges Sabbatical mit ihrem Mann verbringen, bevor sie im Juni eine neue Stelle antritt. Sie kam am 1. März an. Am 25. März wurden alle Hotels und Strandcafés geschlossen. Tauchen wurde verboten, nächtliche Ausgangssperre ab 19.00 Uhr für das lange Wochenende mit koptischem Ostern. Nach dem ägyptischen Frühlingsfest wurde für vier Tage ein absolutes Schwimmverbot an allen Stränden verhängt. Ihr wurde von ägyptischer Seite ein Flug nach Frankfurt am 26. April angeboten (die zwangs-stillgelegten Airlines kriegen wenigsten ein paar Brosamen zugeschoben), den sie in ihrer Not angenommen hat. Wer weiß denn, ob im Mai noch mal Flüge kommen? Sie wird zu Hause wahrscheinlich vierzehn Tage Quarantäne einhalten müssen, und muss am 1. Juni ihre Stelle antreten. Schade. Beim Kaffee auf ihrem Balkon hatte man einen so schönen Blick auf die Berge. Jetzt sind alle weg, zum Teil mit Hilfe des Auswärtigen Amtes. Ob sie noch mal wieder kommen?“

 

Die magischen Sonnenuntergänge auf der Sinai-Halbinsel. Foto: Sandra H.

 

Sandra: „Ich bin Deutsche und lebe in Ägypten, in einem kleinen Städtchen namens Dahab auf dem Sinai, am Golf von Akaba. Mein Mann ist Ägypter und wir haben eine fünfzehnjährige Tochter, die hier auf eine Sprachschule geht. Ich arbeite als Kindergärtnerin in der Schule wo auch meine Tochter ihr erstes Kindergartenjahr verbracht hat, und bringe kleinen Ägyptern Englisch bei.“

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.