Klaus Ender. Selbstbildnis 1964

Vertreibung aus dem Paradies

Er suchte das Paradies auf Erden. Klaus Ender. Fotograf, Dichter und Naturschützer alter Schule. Ender träumte vom Himmel auf Erden, musste jedoch lernen wie das Leben zur Hölle werden kann, bis am Ende die Kohlen ausgehen. „Poesie ist unbedingt nötig, um in dieser harten Welt etwas zu gestalten“. Der gebürtige Berliner liebte den Gedanken der Utopie von Adam und Eva. Ender: „Wer nackt Würde zeigt, gibt sich keine Blöße“. Seine Aktbilder machten Ender in den Siebzigern rasch berühmt. Um präzise zu sein: genau genommen nur in der Osthälfte des geteilten Landes, in dem kleinen, verschwundenen Land hinter der Mauer, genannt DDR.

Für die meisten heutigen Deutschen ist Ender ein Fotograf, der ihr eigenes Bild von der DDR bestätigt. Akt und Landschaft, Schwarz-Weiß, das Spiel von Licht und Schatten. Etwas verklärt, romantisch, mit einem Schuss Kitsch, irgendwie aus der Zeit gefallen. Dabei war Klaus Ender in einem Punkt ehrgeizig. Er wollte aus wenig viel machen. Sich befreien. Aus der spießigen, miefigen DDR ausbrechen. Die ersten Jahre kämpfte der Fotograf gegen den staatlich verordneten Zeitgeist aus Bevormundung und Funktionärsgeschmack.

 

In den Ostseedünen 1983. Alle Bilder von Klaus Ender

 

Seine Bilder konnten nur in der DDR entstehen. Der große Erfolg gab ihm Recht und bot Schutz vor  Gängelung und zu vielen Eingriffen.

1975 landete Ender mit „Akt und Landschaft“ die meistbesuchte Publikumsausstellung der DDR. Über 100.000 Besucher drängelten sich in kürzester Zeit in der Ost-Republik, um seine Paradies-Bilder zu sehen. Seine Akte in der Monatszeitschrift „Magazin“ waren heiß begehrt. Die Ausgaben waren stets ausverkauft. Die Hefte schlummern noch heute in manchen Schubladen.

 

Halbakt 1966.

 

Rücksichten 1964.

„Ich möchte heute unter den Bedingungen kein Akt-Fotograf mehr sein“, sagte Ender nach der Wende. Als der DDR die Luft ausging, zog sich Ender zurück. Mit der kommerzialisierten Nacktheit von Playboy, Beate Uhse oder im Internet kam Ender nicht klar. Im neuen vereinten Land zog er nicht mehr mit seinen Modellen los, um sie so zu zeigen wie sie die Natur geschaffen hat. Fortan schrieb er Gedichte, fotografierte nur noch Landschaften und setzte sich für den Erhalt der Umwelt ein.

Ender führte ein Leben wie ein Roman. 1957 verließ er die DDR, um ein Jahr später zurückzukehren. In den sechziger Jahren, den eigentlichen DDR-Blütejahren, ließ er sich auf die Stasi-Krake ein und lieferte fünfzehn Jahre lang als Informant Futter. 1981 verließ er ein zweites Mal das „Paradies der Werktätigen“, versuchte in Österreich Fuß zu fassen. Vergeblich. Mitte der neunziger Jahre kehrte er nach Rügen zurück. In ein anderes Land.

 

Die Woge 1969.

 

Er habe nichts zu bereuen, so Enders trotzig-stolze Bilanz. „Ja, ich wurde angepinkelt, ja, ich habe zweimal miterlebt, wie meine Mutter vergewaltigt wurde, ja, ich wurde (1945) von Flüchtlings-Massen in den Schmutz der Oder getreten, ja, meine Verlobte hat sich das Leben genommen, ja, ich wollte unbedingt Akt-Fotograf werden, ja, ich hatte Sex mit vielen Mädchen, ja, ich habe der Nacktheit in der DDR einen natürlichen Glanz gegeben, und ja, ich war auch ein IM.“

 

Leda 1971

 

Der Fotoband „Meine schönsten Enthüllungen“ erschien 2012. Sein Vermächtnis. Hier zeigte er seine Vorstellungen von Ästhetik, Anmut und Schönheit. Frauen, die selbstbewusst sind, ohne Werbelächeln und ohne ihre Haut zu Markte tragen zu müssen. Natürlich spielt Enders mit dem Knistern und Kribbeln der Nacktheit. Seine Bilder wecken Wünsche und Sehnsüchte im Spiel der Geschlechter um Lust, Verlangen, Nähe, Abstand und/oder Zurückweisung.

 

Der Sonne entgegen. 1970

 

Der Paradies-Sucher Klaus Ender erblindete im Alter. Mitte März starb er mit 81 Jahren auf seiner geliebten Insel Rügen. Seine Bilder bleiben.

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