Phoenix aus der Asche. Quelle: Primus

Schöner Wohnen

Vielleicht ein wenig Heimatkunde? Der Ludwigkirchplatz unweit vom Kudamm gehört zu den angenehmen und unaufgeregten Ecken Berlins. Kirche, Kinderspielplätze, Kneipen. Dazu ein kleiner Park. Eine urbane Mischung aus Wilmersdorfer Witwen, Familien, Lebenskünstlern und Institutionen wie dem Wagenbach-Verlag. Direkt am Ludwigkirchplatz hatte viele Jahre unser Kinderarzt seine Praxis. Das Haus in der Emserstraße 39 C war ein einfacher aber zweckmäßiger Zwanziger Jahre-Bau. Das Gebäude wirkte ein wenig heruntergerockt. Unser Kinderarzt war ein lustiger Zeitgenosse. Er sah aus wie der Komiker Louis de Funès und machte Hausbesuche. Der Mann war ein Glücksfall.

Dann kam sein Nachfolger. Unsere Kinder brauchten längst keinen Kinderarzt mehr. Sie zogen in die Welt hinaus. Und die Welt kam zu uns. Ein gut situiertes Klientel siedelte sich an. Die Läden wurden schicker, aus dem Kinderladen wurde eine Boutique, die meistens vergeblich auf Kundschaft wartete. Das Haus an der Emserstraße wurde zunehmend leerer und dunkler. Irgendwann stand das Eckhaus am Ludwigkirchplatz wie ein hohler Zahn verloren in der Gegend herum. Gerüchte machten die Runde. Aus dem Haus mit den preisgünstigen Wohnungen soll etwas ganz Besonders werden. Abriss? Neubau? Niemand wusste genaues.

 

„Unvergleichbarer Blick“ auf den Ludwigkirchplatz unweit vom Kurfürstendamm. Hier entsteht das „neue Berlin“. Quelle: Primus Immobilien

 

Dann kam ein Bauzaun und PHOENIX aus der Asche. Er stieg mit großen, bunten Werbeplakaten empor und versprach „neuen Glanz“. Der Sozialwohnungskasten soll sich in ein „edle Immobilie“ verwandeln, das „hohe Maßstäbe“ setzt. Die „luxuriösen Penthouses mit Rooftop-Terrassen“ werden „einen unvergleichbaren Blick auf den Ludwigkirchplatz“ bieten. Weiter heißt es: „Der Architekturstil weist typische Elemente des Expressionismus auf. Die reduzierte Formensprache und gezielt eingesetzte Opulenz werden kombiniert und erschaffen ein zeitlos modernes Ambiente.“ Versprochen wird so eine Art Himmel auf Erden.

Dieses neue, schicke Makeup hat seinen Preis. Der „stilvolle Wohnraum für anspruchsvolle Bewohner“ beginnt in der Sparvariante bei 552.500 Euro für eine 2-Zimmer-Wohnung Hochparterre (46qm). Eine familiengerechte 4-Zimmer-Wohnung (123 qm) liegt bei 1.596 Millionen Euro. Die Penthouses sind frei auszuhandeln. Nach oben sind keine Grenzen gesetzt. Das Investment mit dem „unvergleichbaren Blick“ auf die Katholische Kirche St. Ludwig sollte das doch wert sein.

Der Sound der Zwanziger. Celeste mit Stop this flame

 

Normalverdienende Familien mit zwei, drei oder mehr Kindern werden sich den neuen Phoenix am Ludwigskirchplatz nicht leisten können. Alleinerziehende schon gar nicht. Einen Kinderarzt braucht es nicht mehr. Der Investor beruft sich auf Architektur-Ikone Walter Gropius: „Die Baukunst soll ein Spiegel des Lebens und der Zeit sein“. Am Ludwigkirchplatz brechen nun neue „Goldenen Zwanziger“ aus. Genau ein Jahrhundert nach dem großen Tanz Babylon Berlins auf dem Vulkan. Aber das ist Geschichte. Und wiederholt sich nicht. Oder doch?

Wie heißt es so schön: Die Wahrheit über die Katzen erfahre ich nur von den Mäusen.

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