Kunst für den Orient-Express

Noch in den fünfziger Jahren fuhr der legendäre Orient-Express von Paris nach Istanbul. Auf seiner Fahrt quer durch Europa ließ er die bulgarische Hauptstadt Sofia links liegen. Das ärgerte die regierenden Kommunisten. Also überlegten sie, wie sie das Bahn-Management auf die Vorzüge ihres Balkanstaates aufmerksam machen könnten. Kunststudenten erhielten den Auftrag, die Landschaft entlang der Strecke „attraktiver“ zu gestalten. Höfe und Zäune sollten gestrichen, Heuhaufen kunstvoll gestapelt, reizvolle Motive entwickelt werden. Einer der Studenten, ein gewisser Christo Wladimirow Jawaschew, war fasziniert. Die Landschaft als Leinwand. Ein ausgesprochen reizvolles Projekt, fand er. Landschaft „verpacken“, im neuen Glanz erscheinen lassen, einen Zauber verströmen, der anlockt und betört. Kunst, die einfach schön ist.

 

Christo (1935-2020 ) und Jeanne-Claude (1935-2009). Eine geniale Verbindung. Beide waren an einem 16. Juni 1935 geboren.

 

Aus der bulgarischen Kulissenschieberei wurde nichts. Störrische Beamte und widerspenstige Bauern legten sich quer. Das Projekt scheiterte. Eine prägende Erfahrung für den jungen bulgarischen Landschaftsmaler: Widerstand gehört zur Kunst. Gegenwind zu überwinden ist eine der hervorragendsten Aufgaben. Der junge Mann wollte sich aber frei entfalten. Der Enge des kommunistischen Systems entkam er versteckt in einem verplombten Güterwaggon im eiskalten Januar 1957 von Prag nach Wien. Als er dort an der Kunstakademie abgelehnt wurde, zog der Staatenlose ohne Pass weiter über Genf nach Paris. Christo Wladimirow Jawaschew erreichte im März 1958 die französische Hauptstadt mittellos, ohne einen einzigen Centimes in der Tasche, aber mit einem Traum. Dort wollte er sein Glück in der Kunst finden.

Um seine winzige Mansardenwohnung in der Nähe des Arc de Triomphes zu finanzieren, malte der 23-jährige in einem Friseursalon Damen der wohlhabenden Schichten. So verdiente er als Porträtmaler seinen Unterhalt und signierte mit dem Namen Javacheff. Eines Tages saß die Generalsgattin Précilda de Guillebon auf dem Frisierstuhl. Deren Tochter Jeanne-Claude war kunstvernarrt und bald auch verliebt in den armen, begabten Barbiermaler Christo, den jungen Mann mit leidenschaftlichem Balkan-Temperament und schlechten Französisch. Die Offizierstochter sagte später einmal: „Ich könnte natürlich behaupten, die Kunst sei das ausschlagende Moment gewesen‘, so Jeanne-Claude‚ „doch tatsächlich war er ein teuflisch guter Liebhaber.“

 

Précilda de Guillebon, 1958. Die Mutter von Jeann-Claude. Christo malte seine Schwiegermutter im Frisiersalon.

 

Sie heirateten in der Stadt der Liebe. Christo legte seine bulgarischen Nachnamen ab und entwarf, plante, zeichnete. Er wollte alles verpacken, was ihm in die Hände kam. Flaschen, Fahrräder, Bäume, Menschen. 1962 reifte die Idee, den nahen Arc de Triomphe zu verhüllen. Es sollte fast sechzig Jahre bis zur Vollendung dauern. Das hinderte ihn nicht, sein erstes Projekt in der Nachbarschaft umzusetzen. Als Antwort auf die Berliner Mauer sammelte Christo 85 Ölfässer. Er rollte sie am 27. Juni 1962 eigenhändig in die enge Rue Visconti. Dort stapelte er die bunten Fässer zu einer Mauer. Christos erstes Kunstwerk existierte nur 24 Stunden. Er musste seinen „Eisernen Vorhang“ unter Polizeiaufsicht wieder abbauen. Es war der künstlerische Urknall für den Verpackungskünstler Christo.

 

Christo. Der „Eiserne Vorhang“. 85 Ölfässer in der Pariser Rue Visconti.

 

„Kunst darf zwecklos sein. Kunst muss nicht nach dem Sinn fragen.“ Christos Lebensmotto: „Ich spreche nur durch meine Kunst. Die Wahrheit liegt in der Schönheit.“ Für das Künstlerpaar Christo und Jeanne-Claude bedeutete das: Kommerzfreie Kunst. Keine staatliche Finanzierung, keine Werbung. Finanzierung ausschließlich über Verkauf von Skizzen, Zeichnungen, Film- und Fotorechten. Seine spektakulären Projekte am Reichstag in Berlin, Miami oder am Lago di Iseo in Italien waren stets auf vierzehn Tage befristet. So wird es auch am Arc de Triomphe sein, seinem Vermächtnis. Ein Tribut an die Stadt, in der er seine Liebe und seinen ersten Triumph feierte.

 

Christos letztes Kunstwerk. Beginn der Verhüllung des Arc de Triomphe. 12. September 2021.

 

Verhüllung Arc de Triomphe. 18. September 2021 bis 3. Oktober 2021

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.