Im Namen der Kunst

Ich bin aus der Kunst ausgetreten, erklärte Joseph Beuys. Um Neues zu machen, anderes auszuprobieren, Grenzen zu überschreiten und – wenn möglich oder nötig – auf Missstände hinzuweisen. Der dänische Konzeptkünstler Jens Haaning nimmt diese Devise zeit seines Lebens beim Namen. Er reproduzierte zwei alte Werke, nannte sie neu „Take the Money and Run“, und lieferte auftragsgemäß zwei Transportkisten zum vereinbarten Preis von 74.000 Euro an das KUNSTEN Museum of Modern Art Aalborg. Überraschung! Die Bilder waren leer. Nun hängen in der jütländischen Ausstellung mit dem Titel „Work it out“ über unser Verhältnis zu Geld und Arbeit zwei Bilderrahmen mit einer komplett weißen Leinwand.

 

„Take the money and run“. Zu sehen im dänischen Aalborg

 

Haanings Konzeptarbeiten waren vorab als Beispiele für „coole Ästhetik“ angekündigt worden. Der Däne hatte 2007 in Wien in einem Gemälderahmen 51 frische 500-Euro-Scheine, eine 200 Euro-Note und zwei Euro-Münzen geklebt, um das durchschnittliche Jahreseinkommen eines Österreichers darzustellen. Für die neue Ausstellung erhielt er 550.000 dänische Kronen (ca. 74.000 Euro), um sein neues Werk dementsprechend auszustaffieren. Nun ist das Geld weg. Diebstahl? Ein Schelmenstreich? Oder mehr? Das Museum war blamiert, forderte das Geld zurück, aber lässt die leeren Bilder hängen. Versehen mit einer E-Mail des Kopenhagener Künstlers, in der steht, er habe sich entschlossen eine andere, sinnvollere Arbeit abzuliefern mit dem Titel „Take the money and run“. Gezeichnet: Mit freundlichen Grüßen, Jens Haaning“.

Die leeren Bilder sollen für sich sprechen. Haaning, Jahrgang 1965, will seine Arbeit als Protest gegen die miesen Bedingungen im Kunstbetrieb verstanden wissen. Ihm hätten für diese Arbeit „beschissene“ 3.300 Euro zugestanden. Damit könne er nicht einmal die Unkosten decken. Jetzt schweigt der Künstler, dessen Leithema ist, „Grenzen zu überschreiten“. Denn Grenzen – territoriale, nationale, sprachliche, soziale, ökonomische, kulturelle, rechtliche – regulierten das Zusammenleben unterschiedlicher Menschen und Interessensgruppen. Und sie würden immer höher.

 

 

Immerhin zeigte der genarrte Museumsdirektor Lasse Andersson einen gewissen Großmut. Er verstehe in den beiden leeren Rahmen Haanings einen „Kommentar dazu, wie wir alle arbeiten, einen Kommentar zum Wert dessen, was er schafft“. Sein Geld möchte er jedoch spätestens zum Ende der Ausstellung am 14. Januar 2022 wiederhaben. Solange betrachte er „Take the money“ als zeitloses Kunstwerk und nicht als raffinierten Kunstraub.

Wie sagte Beuys: „Jeder Mensch ist ein Künstler“. Somit bleibt Kunst eine Frage der Kreativität. Sowie: Der Betrachtung in unserem Auge. Der Verantwortung für die Gestaltung unserer Gesellschaft. Und des Preises.

Work it out. Kunsten Museum Aalborg. Bis 14. Januar 2022.

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