Pics_Kartub Über den Wolken

Über November-Wolken

Die Zionskirche in Berlin-Mitte. Abschied von einem Unbeugsamen. Ein Bürgerrechtler der alten Schule hat diese Welt verlassen. Reinhard Schult sein Name, Mitbegründer des Neuen Forum. Es waren mutige Menschen wie er, die konsequent und unbeirrt für die Freiheit des Denkens und die Notwendigkeit der Veränderung stritten, als dieses Land noch eingemauert war. Veränderungen, die auch heute wieder gut tun würden in einer Atmosphäre des Wegschauens und der Selbstbezogenheit. Vom Band erklingen Rio Reiser und Wolf Biermann. Dazu gibt es kluge Reden und warmherzige Worte. Sätze der Anerkennung und des Dankes. Am Ende ertönt in der Kirche ein zartes Lied voller Melancholie: Über den Wolken.

 

 

Reinhard Mey setzt an, hebt ab, startet Richtung Himmel und nimmt uns mit auf eine Reise. Ein Lied, das vor fast fünfzig Jahren auf Vinyl erschien. Als drittes Stück auf der Rückseite einer Langspielplatte. Eher versteckt, fast beiläufig. Doch das Lied nahm Kurs. Bis heute. Nicht wenige summen leise mit. Der Liedermacher ist auch hier bekannt und beliebt. Der „Über den Wolken muss die Freiheit wohl grenzenlos sein“-Erfinder gilt als großer Romantiker, als „Rückzugslyriker“ und singender Schwiegersohn. Mit zwölf nahm Mey Klavierunterricht, mit vierzehn kaufte er sich für vierzig Mark seine erste eigene Gitarre. Er vertonte seine Beobachtungen in Alltagsballaden. Vom Zeitgeist wurde der Berliner oft belächelt und gerne unterschätzt. Reinhard Mey will keinem weh tun, hieß es. Ein großer Irrtum. Reinhard Mey wollte, dass zugehört wird. Anfangs zog er mit Hannes Wader durch kleine Clubs und gastierte Mitte der sechziger Jahre auf Liedermacherfestivals, wie dem Folkfestival auf der Burg Waldeck.

Reinhard Mey bewunderte von Jugend an französische Chansons, nannte sich zeitweise Frédéric Mey. Seine ersten Erfolge hatte er in Frankreich. In Deutschland stand er lange unter Schlagerverdacht. Das störte ihn nicht. Mittlerweile hat er über fünfhundert Lieder geschrieben, fast dreißig Alben veröffentlicht. Seine Klassiker sind Songs wie „Ich bin Klempner von Beruf“ oder „Ankomme Freitag den Dreizehnten“.

 

 

 

Nun ist Reinhard Mey 78. Kaum zu glauben, wie frisch und zeitlos seine Lieder klingen. Natürlich könnte er heute nicht mehr mit dröhnenden Motoren bei Wind Nordost auf Startbahn Null-Drei aufsteigen. Kein Benzin dürfte mehr in den Pfützen schwimmen, „schillernd wie ein Regenbogen“.  Geht nicht, wegen der Klimabilanz. Aber dieses Lied lässt sich auch ohne donnernde Kerosinbomber singen. Die besten Entdeckungen machen wir sowieso in unserem Kopf. Wie heißt es doch? „Alle Ängste, alle Sorgen, bleiben dahinter verborgen. Und dann würde, was uns groß und wichtig erscheint, plötzlich nichtig und klein“.

Als einer der wenigen gelingt es Reinhard Mey bis heute, über Generationen und Schichten hinweg ein großes Publikum zu erreichen. Eine seltene Gabe im Zeitalter der Selbstoptimierung. Und so summen Bürgerbewegte und Trauergäste am Ende der Gedenkfeier fast fröhlich mit. So viel Zustimmung. Überraschung und Freude. So ist das mit Liedern, die das Zeug zur Unsterblichkeit haben. In die Welt getragen von einem Liedermacher der leisen Töne, der uns einlädt auch im tristen November abzuheben.

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