Archive for : April, 2017

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Lachen verboten

„Wo sind unsere Mädchen geblieben, die leicht erröten, ihren Kopf senken und die Augen abwenden, wenn wir in ihre Gesichter schauen. Und die damit zum Symbol der Keuschheit werden?“ Frauen, die offen lachen! Geht nicht. Gehört gesetzlich verboten. Jedenfalls in der Türkei. Kein später Aprilscherz. Erdogans Stellvertreter, der türkische Vizeregierungschef Bülent Arınç kann nicht ertragen, dass Frauen in der Öffentlichkeit laut lachen. Deshalb plant er im Auftrag von Präsident Erdogan ein gesetzliches Lachverbot für Frauen.

Lachen vertrage sich ebenso wenig mit dem Wert der Tugendhaftigkeit wie die Zurschaustellung weiblicher Reize, hieß es zur Begründung. Lachen gehöre daher verboten ebenso wie Ehebruch oder zu viel Meinungsfreiheit. Das Gesetz, seit zwei Jahren angekündigt, lässt bislang auf sich warten. Jetzt nach dem Volksentscheid wäre es möglich. Dabei braucht die Türkei in diesen Zeiten nichts „so sehr wie das fröhliche Lachen von Frauen“, erklärte tapfer Oppositionsführer Ekmeleddin İhsanoğlu.

 

Fröhliches Frauenlachen in aller Öffentlichkeit? Das ziemt sich nicht, meint Recep Tayyip Erdogan. Er will es verbieten lassen.  Foto: Jeff J. Mitchell

 

Lachen ist gesund. Lachen ist befreiend. Lachen ist subversiv. „Humor ist eine Trotzmacht“, sagte Sigmund Freud. Humor ist, wenn man trotzdem lacht. Es hilft gegen die Zumutungen des Lebens, gegen Mächtige und Willkür. Mittlerweile beschäftigt sich gar eine eigene Wissenschaft mit den Auswirkungen des Lachens auf Körper, Geist und Seele, die Gelotologie. Gelos kommt aus dem Griechischen und bedeutet Lachen. Lachen aktiviert das Zwerchfell. Unseren größten von insgesamt 656 Muskeln im Körper. Zuständig für Wohlbefinden und Stressresistenz.

 

Lachen auf japanisch.

 

Die besten Witze blühen in geschlossenen Gesellschaften. In den Reichen von Allmacht, Überwachung und selbsternannten Heilsbringern. Ein alter DDR-Witz geht so: „Auf dem Alex in Berlin steht ein Mann mit einem Transparent. Darauf steht: „Scheiß Staat!“ – Ein Vopo schreitet ein, will den Mann abführen. Dieser erwidert: „Sie wissen doch gar nicht, welchen Staat ich meine.“ – Der Polizist überlegt, wendet sich ab, geht. Dann kehrt er entschlossen zurück. „Sie sind sofort festgenommen. Es gibt nur einen Scheiß Staat!“

 

Lachen auf afrikanisch.

 

Am ersten Sonntag im Mai ist jedes Jahr Weltlachtag. Weltweit wird dann ab 12 Uhr mittags ausgiebig, fröhlich und ungehindert gelacht. Grund genug gibt es. Mitmachen kann jeder.

 

Lachen auf Vietnamesisch.

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Donalds Schutzwall

Das Bollwerk soll „eine ästhetische Anmutung“ erzielen, zumindest auf US-Seite. Die Mauer muss eine Mindesthöhe von sechs bis neun Metern erreichen. Die Konstruktion soll „Vorschlaghämmern, Wagenhebern, Pickel, Meißel und batteriebetriebenen Schneidewerkzeugen“ widerstehen. So die Ausschreibung der US-Heimatschutzbehörde für einen Mega-Auftrag. Fast 700 Firmen haben sich beworben, um Donald Trumps Monument aus Beton, Stahl und/oder Stacheldraht zu realisieren. Kosten: bis zu 38 Milliarden Dollar. Sie soll „schön“ werden die Mauer – zwischen den USA und Mexiko.

 

Das Mauer-Projekt 2017. Entwurf von San Diego Project Management. Quelle: US-Heimatschutzbehörde.

 

Die Bewerbungsfrist ist mittlerweile abgelaufen. Auch deutsche Firmen sollen sich mit Hilfe ihrer US-Tochterfirmen an diesem Jahrhundertprojekt heimlich beteiligt haben, darunter der bayrische Baukonzern Bauer AG, der Bauriese Hochtief und der Baustoffkonzern HeidelbergCement. Offiziell wird eine mögliche Mitarbeit an der Trump-Mauer dementiert. Eine hochspezialisierte ostdeutsche Firma konnte sich übrigens nicht mehr melden. Der DDR-Mauer-Lieferant VEB Baustoffkombinat Neubrandenburg ist 2004 in Konkurs gegangen.

 

Dokumentierter Grenzdurchbruch am Bauelement UL 12.41S. Berliner Mauer. 1980er Jahre. Quelle: Ministerium für Staatssicherheit. (BSTU)

 

Die Neubrandenburger waren in Europa Marktführer für Mauerelemente. Das fleißige Kombinat hatte im mecklenburgischen Malchin zuverlässig viele Tausend Betonsegmente für die Berliner Mauer gefertigt. UL 12.41S war die Katalogbezeichnung für ein 3,60 Meter hohes und 1,20 Meter breites, L-förmiges Stützwandelement. Das „S“ stand für „Sonderelement mit Kopfstück“. Anfang November 1989 endete abrupt die Auftragslage. Die Mauer war überflüssig geworden.

 

Einer der 450 Entwürfe für die Mauer zwischen Mexiko und den USA. Hadrian Construction Company. Quelle: US-Heimatschutzbehörde.

 

Nun sind die ersten Entwürfe für Donalds Schutzwall veröffentlicht werden. Die Ideen für den dreitausend Kilometer langen Wüstenwall reichen vom Hochsicherheits-Maschendrahtzaun über bunt bemalte Betonwürfel bis zu tiefen Gräben, die mit Atommüll gefüllt werden sollen. Trumps Mega-Projekt entspricht der Größenordnung der Chinesischen Mauer. Ein Entwurf lehnt sich sogar eng an das chinesische Vorbild an. Aus einer später begeh- und befahrbaren Mauer soll eine Touristenattraktion werden. So könnte die Trump-Mauer aussehen. Hier einige Entwürfe.

 

Eine Alternative. Aber derzeit chancenlos. Die schwebende Trasse. Ein Bauwerk, das verbindet und nicht trennt. Entwurf: „Made Collective“. (USA – Mexiko)

 

Bei der federführenden US-Heimatschutzbehörde gingen auch überraschende Alternativen ein. Eine Gruppe aus US-amerikanischen und mexikanischen Architekten setzte sich über alle Vorgaben „einer neun Meter hohen schönen Mauer“ hinweg. Das „Made Collective“ entwarf eine elegante Trasse für eine Magnetschwebebahn. Ein modernes Bauwerk, das verbindet und nicht trennt. Die drei Meter sechzig hohe Berliner Mauer übrigens stand – unterm Strich – genau 10.315 Tage und keinen Tag länger. Das war auch gut so, meinte der damals amtierende US-Präsident George Bush.

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Für Verliebte

Berlin und Brandenburg? Das sind doch Szenen einer Ehe! Wenig erbaulich, oder? Die einen sind laut, die anderen stur. Große Klappe trifft märkische Meckerköppe. Stadt auf Land. Ost auf West. Eine eingetrocknete Liebe, bei der wenig sprüht und vieles schief gelaufen ist. Es gibt jedoch einige wenige Orte, in denen Ablenkung und Leichtigkeit möglich erscheint. Rheinsberg ist so ein magischer Ort. Eine Kleinstadt mit hübschem Schloss, frischgetünchte Fassaden und dem Charme einer Puppenstube. Dazu viel Wasser, Kiefern, Musenorte und Musik.

Vor über hundert Jahren brach ein Berliner Pärchen auf. Sie wollten ihrer Sehnsucht ein Ziel zu geben. „Das Land wurde wellig in der Ferne, versteckte ein Wäldchen und zeigte ein anderes – man freute sich im Grund, dass alles da war.“  Endstation Sehnsucht. Stille Tage in Rheinsberg. „Noch brausten und dröhnten in ihnen die Geräusche der großen Stadt … der Lärm ihres täglichen Lebens, den sie nicht mehr hörten, der eine bestimmte Menge Lebensenergie wegnahm, ohne dass man es merkte. Aber hier war es nun still, die Ruhe wirkte lähmend, wie wenn ein regelmäßiges Geräusch plötzlich abgestellt wird.“

 

Landpartie in Brandenburg. Ein Wochenende für Verliebte. Rheinsberg, mon amour.

 

So erreichten Wolfgang und Claire das märkische Refugium, in dem sich der Alte Fritz als  junger Friedrich sehr wohl fühlte:  „Es fehlte jene leise Unregelmäßigkeit, die einen Raum erst wohnlich erscheinen lässt, hier stand alles im rechten Winkel zueinander. Sie gingen in den Park. An einem kleinen Rondell schimmerten weiße Figuren aus dem Blätterwerk. Ein Satyr lehnte an einem Baumstumpf, mit gesenkter Flöte, ein Faun stach eine fliehende Nymphe. Das Schloss leuchtete weiß, violett funkelten die Fensterscheiben in hellem Rahmen von staubigen Lichtern rosig betupft, alles spiegelte sich im klaren Wasser.“

Dem jungen Manne floss 1912 die Feder über. In Rheinsberg öffnete er sein Herz, ließ die Gefühle galoppieren. Sein Name: Kurt Tucholsky. „Was war, von oben betrachtet, ein Liebender? – Ein Narr. Wenn sich ihm das geliebte Herz eröffnete, schwieg er satt und zufrieden. Ganze Literaturen wären nicht, riegelten die Mädchen ihre Türen auf.“ Das Verlangen nach Liebe sei Liebe, dichtete der junge Poet. Und weiter: „Was ist das, das uns forttreibt, weiter, höher, vorwärts? Und es gibt keine tiefere Sehnsucht als diese: die Sehnsucht nach Erfüllung. Sie kann nicht befriedigt werden.“ Ach, diese Unbeschwertheit einer Sommerfrische am Wochenende: „Der Himmel war klar, noch einmal gab der Sommer seine Wärme.“

 

1912 schrieb Kurt Tucholsky „Ein Bilderbuch für Verliebte.“ Zeitlos schön.

 

Alle Rheinsberg-Zitate finden sich in Tucholskys Bilderbuch für Verliebte. Einige Jahre später, es war 1920, beklagte Frauenversteher Tucholsky in seinem Gedicht „Mikrokosmos“, „dass man nicht alle haben kann -!“ Seine damalige Ehefrau Else Weil, das berühmte Clairchen von Rheinsberg, notierte nach der Trennung vom Meister im März 1924: „Als ich über die Damen wegsteigen musste, um in mein Bett zu kommen, ließ ich mich scheiden.“

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Hoch hinaus

Er ist ein Familienmensch, hat vier Adoptivkinder und gilt als bescheiden. Er ist ein Morgenmuffel, hasst Wecker und lehnt Termine am frühen Morgen kategorisch ab.  Sein Name: Jeff Bazos. Selfmademan, Konzerngründer, Inhaber des Versandhandels Amazon mit einem Wert von 425 Milliarden Dollar. Der 53-jährige hat mittlerweile Warren Buffett als zweitreichsten Mann der Welt überholt. Auf genau 76,6 Milliarden Dollar beziffert das Wirtschaftsmagazin Forbes sein Privatvermögen. Bezos will nun noch höher hinaus.

Der weltgrößte Online-Händler will ins Weltall. Für sein außerkosmisches Unternehmen Blue Origin plant er 2.4 Milliarden Dollar bereitzustellen, indem er einen Teil seiner Aktien verkauft. Sein Traum: Der Amazon-Chef will ab 2018 Weltraumflüge für gutbetuchte Passagiere anbieten. Geplanter Preis für einen Fensterplatz: 300.000 Dollar. Sechs Passagiere sollen in der wiederverwendbaren Rakete Platz finden. Ein verspäteter Aprilscherz? Offenbar nicht. Die Erde als Geschäftsfeld ist ihm wohl zu klein geworden.

 

Nach den Sternen greift Jeff Bezos mit seinem Weltraumprojekt Blue Origin.  Quelle: Manager Magazin.

 

„Always be frugal“ heißt einer seiner zwölf Amazon-Grundsätze. Sei stets bescheiden, predigt Bezos seinen Mitarbeitern. Bescheidenheit muss Jürgen Weber aus Potsdam nicht üben. Er muss sie täglich leben, um wenigstens einigermaßen überleben zu können. Der gelernte Bautischler ist seit kurzem arbeitslos. Mit 57 Jahren sieht er keine Chancen mehr. Weber hatte als Sicherheitsmann und zuletzt als Gärtner gejobbt. Jetzt muss er im Monat von 409 Euro Hartz IV plus Miet-Zuschuss über die Runden kommen.

Das Wochenmagazin Die ZEIT veröffentlichte eine Serie zum Thema  Wie gerecht ist Deutschland? Hier rechnete Weber schonungslos sein monatliches Einkaufbudget vor. 200 Euro stünden ihm für Lebensmittel zur Verfügung. „Ich kaufe hauptsächlich bei ALDI ein und muss trotzdem auf jeden Euro achten. Wenn es Sparaktionen gibt, kaufe ich auf Vorrat. Oft mache ich einen großen Eintopf und friere ihn portionsweise ein.“

 

Einen Cappuccino für 3,20 im Café? „Kann ich mir nicht leisten“, sagt Jürgen Weber. „Dafür müsste ich zwei Monate sparen.“

 

Rücklagen für die Rente? Urlaubspläne? Träume? –Fehlanzeige. Seit der Kündigung seines Aufstockerjobs als Gärtner ist selbst ein Cappuccino zum Luxus geworden. „Dafür im Café 3,20 Euro zu zahlen kann ich mir nicht leisten. Darauf müsste ich zwei Monate sparen.“ Demütig und bescheiden zu sein, das ist für Jürgen Weber tägliche harte Notwendigkeit. Er hat keine Wahl. Er braucht keine „Leadership Principles“. Aber Aufgeben ist nicht. Der Potsdamer leitet einen Verein für Hartz IV-Betroffene, hilft anderen nicht völlig unterzugehen.

 

„Always be frugal“. Sei stets demütig und bescheiden. Eine der zwölf Firmengrundsätze von Amazon.

 

Der 57-jährige „Hartz IV-Leistungsbezieher“ bezeichnet sich in der ZEIT-Umfrage als glücklichen Menschen. Auf einer Skala von 0 bis 10 gab er sich eine glatte Zehn. Warum? „Ich habe zwar gerade meinen Job verloren, aber ich kann mir selbst und anderen helfen, habe keine nervende Frau.“ Vielleicht verbindet ihn diese Selbsteinschätzung mit Bill Gates, dem reichsten Mann des Planeten. Der Microsoft-Gründer hat mit seiner Frau Melinda ein Vermögen von 86,7 Milliarden Dollar angehäuft. Auch die Gates sagen: Nur Helfen mache Menschen glücklich.

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So viel Anfang

Am Anfang stand ein Aufruf: „In unserem Lande ist die Kommunikation zwischen Staat und Gesellschaft offensichtlich gestört. Belege dafür sind die weitverbreitete Verdrossenheit bis hin zum Rückzug in die private Nische oder zur massenhaften Auswanderung. Fluchtbewegungen diesen Ausmaßes sind anderswo durch Not, Hunger und Gewalt verursacht. Davon kann bei uns keine Rede sein.“

Weiter heißt es: „Wir wollen Spielraum für wirtschaftliche Initiative, aber keine Entartung in eine Ellenbogengesellschaft. Wir wollen das Bewährte erhalten und doch Platz für Erneuerung schaffen, um sparsamer und weniger naturfeindlich zu leben. Wir wollen geordnete Verhältnisse, aber keine Bevormundung. Wir wollen freie, selbstbewusste Menschen, die doch gemeinschaftsbewusst handeln.“ Das war der Aufruf des Neuen Forum vom Herbst 1989. Verdammt lang her.

 

Gesehen in Heidenau bei Dresden. Eine Hochburg der Pegida-Bewegung.

 

Mittlerweile sind fast drei Jahrzehnte vergangen. Die Deutsche Einheit hat weit über zwei Billionen Euro gekostet. Rechnet man alle Finanztransfers in den Osten Deutschlands zusammen: Wirtschaftsförderprogramme, Soli, Länderfinanzausgleich, EU-Fördermittel sowie Transfers über die Sozialsysteme abzüglich selbst erzeugter Steuern und Sozialabgaben. Eine Menge Geld.

 

„Bruderkuss“. East Side Gallery Berlin.

 

Was lernen wir aus dieser Geschichte? Es scheint sehr wenig bis gar nichts. Erich Kästner formulierte einmal diesen Wände-Gedanken: „Immer wieder kommen neue Maler, die die Wände neu anstreichen. Es ist immer eine andere Farbe, aber immer dieselbe Wand.“

 

Mauern haben wieder Konjunktur. Weltweit.

 

Der heutige Zeitgeist will keinen neuen Anstrich mehr, keinen Aufbruch. Am besten eine Einheitsfarbe. Struktur, Ordnung und Sicherheit sind gefragt. Ist die Demokratie ein Auslaufmodell? Wird es immer logischer, dass Diktaturen so verführerisch sind? Noch verblüffender ist, wie viele Menschen einen „starken Mann“ herbeisehnen. Nicht wenige davon sind als äußerst intelligent zu bezeichnen. Ist das konsequenterweise das Ende vom Anfang?

 

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Der wahre Dylan

Nun fügt sich alles. Der Meister verbreitet ewige Wahrheiten. Über Liebe und Schmerz, Hoffnung und Verlust. Dafür darf sich Bob Dylan in Stockholm den Nobelpreis abholen. Die Kultur-Verwerter-Maschine läuft auf Hochtouren. Martin Scorsese arbeitet an einem neuen Biopic. In Tulsa, Oklahoma, USA öffnet das Dylan-Archiv. Zwei neue Bücher erscheinen. Der 76-jährige Dylan selbst tourt mit seinem gerade erschienenen Album Triplicate rund um die Welt. Was für ein Dreiklang, was für eine Dreifaltigkeit! Gott, Vater und Erdensohn Bob Dylan.

Times, they are a changing. Höchste Zeit an einen seiner wichtigsten Vorbilder zu erinnern. Dylan Thomas. Er gab dem jungen Songwriter Robert Zimmermann den Namen Dylan. Er inspirierte und befruchtete den heutigen Nobelpreisträger. Dylan Thomas war ein begnadeter Lyriker des 20. Jahrhunderts, ein gefallener Engel, genialer Trunkenbold und Schürzenjäger.

 

Dylan Thomas. *27.10.1914- 09.11.1953

 

Der Poet aus Wales ist ein weltberühmter Unbekannter. Mit seinen Versen hat er unzählige Künstler beeinflusst: neben Bob Dylan, Igor Strawinsky genauso die Stones wie die Beatles. Die Schauspielerin Catherine Zeta Jones, selbst Waliserin, nennt ihre Produktionsfirma „Milchwald“. Van Morrison widmete ihm seinen Song „For Mr. Thomas“. John Cale „Velvet Underground“ vertonte seine Gedichte.

 

 

 

Sein wichtigstes Werk ist „Unter dem Milchwald“. Ein Spiel für Stimmen. Das Porträt einer kleinen walisischen Stadt im Frühlingserwachen. An diesem Stück hatte er zwanzig Jahre gefeilt.

„Anfangen, wo es anfängt: Es ist Frühling, mondlose Nacht in der Kleinen Stadt. Sternlos und bibelschwarz, die Kopfsteinpflasterstraßen still und der geduckte Liebespärchen- und Kaninchenwald humpelt unsichtbar hinab zur schlehen-schwarzen, zähen, schwarzen krähenschwarzen fischerbootschaukelnden See. Die Zeit vergeht. Horch, die Zeit vergeht.“

Die Vorab-Premiere seines Milchwaldes – eine szenische Lesung – wurde im November 1953 in New York ein Riesenerfolg. Das Team zog danach ins White Horse Tavern, eine Hafenarbeiterkneipe, in der reichlich der Lebens-Saft floss. Drei Tage später war der kleine Waliser mit der großen Fantasie tot. Dylan Thomas starb mit 39 Jahren in Greenwich Village, New York City, USA.

 

„Nur du kannst die Häuser schlafen hören, in den Straßen, in der langsamen, tiefen, salzigen, schweigenden, schwarzen bindenumhüllten Nacht.“

 

Der berühmte Theaterkritiker Friedrich Luft urteilte anlässlich der Uraufführung in Edinburgh im Jahre 1955: „Seine quellende Sprache senkt sich wie ein warmer Regen über eine Landschaft des Alltags. Und siehe, nun blühen die Kleinstadtfiguren, werden spektakulär, werden in all ihrer Spießigkeit interessant, rund, tragisch oder komisch.“

 

Unter dem Milchwald. Ein großes Kult-Stück im kleinen Netzeband.

 

Ab Ende Juni 2017 ist „Unter dem Milchwald“ wieder im kleinen märkischen Netzeband eine Autostunde nördlich von Berlin zu sehen. Seit 20 Jahren wird in einem wunderschönen Park das Meisterwerk von Dylan Thomas mit überlebensgroßen Puppen und noch mehr Leidenschaft gespielt. Ein Kult-Stück. Nicht verpassen.