Archive for : April, 2017

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Donalds Schutzwall

Das Bollwerk soll „eine ästhetische Anmutung“ erzielen, zumindest auf US-Seite. Die Mauer muss eine Mindesthöhe von sechs bis neun Metern erreichen. Die Konstruktion soll „Vorschlaghämmern, Wagenhebern, Pickel, Meißel und batteriebetriebenen Schneidewerkzeugen“ widerstehen. So die Ausschreibung der US-Heimatschutzbehörde für einen Mega-Auftrag. Fast 700 Firmen haben sich beworben, um Donald Trumps Monument aus Beton, Stahl und/oder Stacheldraht zu realisieren. Kosten: bis zu 38 Milliarden Dollar. Sie soll „schön“ werden die Mauer – zwischen den USA und Mexiko.

 

Das Mauer-Projekt 2017. Entwurf von San Diego Project Management. Quelle: US-Heimatschutzbehörde.

 

Die Bewerbungsfrist ist mittlerweile abgelaufen. Auch deutsche Firmen sollen sich mit Hilfe ihrer US-Tochterfirmen an diesem Jahrhundertprojekt heimlich beteiligt haben, darunter der bayrische Baukonzern Bauer AG, der Bauriese Hochtief und der Baustoffkonzern HeidelbergCement. Offiziell wird eine mögliche Mitarbeit an der Trump-Mauer dementiert. Eine hochspezialisierte ostdeutsche Firma konnte sich übrigens nicht mehr melden. Der DDR-Mauer-Lieferant VEB Baustoffkombinat Neubrandenburg ist 2004 in Konkurs gegangen.

 

Dokumentierter Grenzdurchbruch am Bauelement UL 12.41S. Berliner Mauer. 1980er Jahre. Quelle: Ministerium für Staatssicherheit. (BSTU)

 

Die Neubrandenburger waren in Europa Marktführer für Mauerelemente. Das fleißige Kombinat hatte im mecklenburgischen Malchin zuverlässig viele Tausend Betonsegmente für die Berliner Mauer gefertigt. UL 12.41S war die Katalogbezeichnung für ein 3,60 Meter hohes und 1,20 Meter breites, L-förmiges Stützwandelement. Das „S“ stand für „Sonderelement mit Kopfstück“. Anfang November 1989 endete abrupt die Auftragslage. Die Mauer war überflüssig geworden.

 

Einer der 450 Entwürfe für die Mauer zwischen Mexiko und den USA. Hadrian Construction Company. Quelle: US-Heimatschutzbehörde.

 

Nun sind die ersten Entwürfe für Donalds Schutzwall veröffentlicht werden. Die Ideen für den dreitausend Kilometer langen Wüstenwall reichen vom Hochsicherheits-Maschendrahtzaun über bunt bemalte Betonwürfel bis zu tiefen Gräben, die mit Atommüll gefüllt werden sollen. Trumps Mega-Projekt entspricht der Größenordnung der Chinesischen Mauer. Ein Entwurf lehnt sich sogar eng an das chinesische Vorbild an. Aus einer später begeh- und befahrbaren Mauer soll eine Touristenattraktion werden. So könnte die Trump-Mauer aussehen. Hier einige Entwürfe.

 

Eine Alternative. Aber derzeit chancenlos. Die schwebende Trasse. Ein Bauwerk, das verbindet und nicht trennt. Entwurf: „Made Collective“. (USA – Mexiko)

 

Bei der federführenden US-Heimatschutzbehörde gingen auch überraschende Alternativen ein. Eine Gruppe aus US-amerikanischen und mexikanischen Architekten setzte sich über alle Vorgaben „einer neun Meter hohen schönen Mauer“ hinweg. Das „Made Collective“ entwarf eine elegante Trasse für eine Magnetschwebebahn. Ein modernes Bauwerk, das verbindet und nicht trennt. Die drei Meter sechzig hohe Berliner Mauer übrigens stand – unterm Strich – genau 10.315 Tage und keinen Tag länger. Das war auch gut so, meinte der damals amtierende US-Präsident George Bush.

Für Verliebte

Berlin und Brandenburg? Das sind doch Szenen einer Ehe! Wenig erbaulich, oder? Die einen sind laut, die anderen stur. Große Klappe trifft märkische Meckerköppe. Stadt auf Land. Ost auf West. Eine eingetrocknete Liebe, bei der wenig sprüht und vieles schief gelaufen ist. Es gibt jedoch einige wenige Orte, in denen Ablenkung und Leichtigkeit möglich erscheint. Rheinsberg ist so ein magischer Ort. Eine Kleinstadt mit hübschem Schloss, frischgetünchte Fassaden und dem Charme einer Puppenstube. Dazu viel Wasser, Kiefern, Musenorte und Musik.

Vor über hundert Jahren brach ein Berliner Pärchen auf. Sie wollten ihrer Sehnsucht ein Ziel zu geben. „Das Land wurde wellig in der Ferne, versteckte ein Wäldchen und zeigte ein anderes – man freute sich im Grund, dass alles da war.“  Endstation Sehnsucht. Stille Tage in Rheinsberg. „Noch brausten und dröhnten in ihnen die Geräusche der großen Stadt … der Lärm ihres täglichen Lebens, den sie nicht mehr hörten, der eine bestimmte Menge Lebensenergie wegnahm, ohne dass man es merkte. Aber hier war es nun still, die Ruhe wirkte lähmend, wie wenn ein regelmäßiges Geräusch plötzlich abgestellt wird.“

 

Landpartie in Brandenburg. Ein Wochenende für Verliebte. Rheinsberg, mon amour.

 

So erreichten Wolfgang und Claire das märkische Refugium, in dem sich der Alte Fritz als  junger Friedrich sehr wohl fühlte:  „Es fehlte jene leise Unregelmäßigkeit, die einen Raum erst wohnlich erscheinen lässt, hier stand alles im rechten Winkel zueinander. Sie gingen in den Park. An einem kleinen Rondell schimmerten weiße Figuren aus dem Blätterwerk. Ein Satyr lehnte an einem Baumstumpf, mit gesenkter Flöte, ein Faun stach eine fliehende Nymphe. Das Schloss leuchtete weiß, violett funkelten die Fensterscheiben in hellem Rahmen von staubigen Lichtern rosig betupft, alles spiegelte sich im klaren Wasser.“

Dem jungen Manne floss 1912 die Feder über. In Rheinsberg öffnete er sein Herz, ließ die Gefühle galoppieren. Sein Name: Kurt Tucholsky. „Was war, von oben betrachtet, ein Liebender? – Ein Narr. Wenn sich ihm das geliebte Herz eröffnete, schwieg er satt und zufrieden. Ganze Literaturen wären nicht, riegelten die Mädchen ihre Türen auf.“ Das Verlangen nach Liebe sei Liebe, dichtete der junge Poet. Und weiter: „Was ist das, das uns forttreibt, weiter, höher, vorwärts? Und es gibt keine tiefere Sehnsucht als diese: die Sehnsucht nach Erfüllung. Sie kann nicht befriedigt werden.“ Ach, diese Unbeschwertheit einer Sommerfrische am Wochenende: „Der Himmel war klar, noch einmal gab der Sommer seine Wärme.“

 

1912 schrieb Kurt Tucholsky „Ein Bilderbuch für Verliebte.“ Zeitlos schön.

 

Alle Rheinsberg-Zitate finden sich in Tucholskys Bilderbuch für Verliebte. Einige Jahre später, es war 1920, beklagte Frauenversteher Tucholsky in seinem Gedicht „Mikrokosmos“, „dass man nicht alle haben kann -!“ Seine damalige Ehefrau Else Weil, das berühmte Clairchen von Rheinsberg, notierte nach der Trennung vom Meister im März 1924: „Als ich über die Damen wegsteigen musste, um in mein Bett zu kommen, ließ ich mich scheiden.“

Der wahre Dylan

Nun fügt sich alles. Der Meister verbreitet ewige Wahrheiten. Über Liebe und Schmerz, Hoffnung und Verlust. Dafür darf sich Bob Dylan in Stockholm den Nobelpreis abholen. Die Kultur-Verwerter-Maschine läuft auf Hochtouren. Martin Scorsese arbeitet an einem neuen Biopic. In Tulsa, Oklahoma, USA öffnet das Dylan-Archiv. Zwei neue Bücher erscheinen. Der 76-jährige Dylan selbst tourt mit seinem gerade erschienenen Album Triplicate rund um die Welt. Was für ein Dreiklang, was für eine Dreifaltigkeit! Gott, Vater und Erdensohn Bob Dylan.

Times, they are a changing. Höchste Zeit an einen seiner wichtigsten Vorbilder zu erinnern. Dylan Thomas. Er gab dem jungen Songwriter Robert Zimmermann den Namen Dylan. Er inspirierte und befruchtete den heutigen Nobelpreisträger. Dylan Thomas war ein begnadeter Lyriker des 20. Jahrhunderts, ein gefallener Engel, genialer Trunkenbold und Schürzenjäger.

 

Dylan Thomas. *27.10.1914- 09.11.1953

 

Der Poet aus Wales ist ein weltberühmter Unbekannter. Mit seinen Versen hat er unzählige Künstler beeinflusst: neben Bob Dylan, Igor Strawinsky genauso die Stones wie die Beatles. Die Schauspielerin Catherine Zeta Jones, selbst Waliserin, nennt ihre Produktionsfirma „Milchwald“. Van Morrison widmete ihm seinen Song „For Mr. Thomas“. John Cale „Velvet Underground“ vertonte seine Gedichte.

 

 

 

Sein wichtigstes Werk ist „Unter dem Milchwald“. Ein Spiel für Stimmen. Das Porträt einer kleinen walisischen Stadt im Frühlingserwachen. An diesem Stück hatte er zwanzig Jahre gefeilt.

„Anfangen, wo es anfängt: Es ist Frühling, mondlose Nacht in der Kleinen Stadt. Sternlos und bibelschwarz, die Kopfsteinpflasterstraßen still und der geduckte Liebespärchen- und Kaninchenwald humpelt unsichtbar hinab zur schlehen-schwarzen, zähen, schwarzen krähenschwarzen fischerbootschaukelnden See. Die Zeit vergeht. Horch, die Zeit vergeht.“

Die Vorab-Premiere seines Milchwaldes – eine szenische Lesung – wurde im November 1953 in New York ein Riesenerfolg. Das Team zog danach ins White Horse Tavern, eine Hafenarbeiterkneipe, in der reichlich der Lebens-Saft floss. Drei Tage später war der kleine Waliser mit der großen Fantasie tot. Dylan Thomas starb mit 39 Jahren in Greenwich Village, New York City, USA.

 

„Nur du kannst die Häuser schlafen hören, in den Straßen, in der langsamen, tiefen, salzigen, schweigenden, schwarzen bindenumhüllten Nacht.“

 

Der berühmte Theaterkritiker Friedrich Luft urteilte anlässlich der Uraufführung in Edinburgh im Jahre 1955: „Seine quellende Sprache senkt sich wie ein warmer Regen über eine Landschaft des Alltags. Und siehe, nun blühen die Kleinstadtfiguren, werden spektakulär, werden in all ihrer Spießigkeit interessant, rund, tragisch oder komisch.“

 

Unter dem Milchwald. Ein großes Kult-Stück im kleinen Netzeband.

 

Ab Ende Juni 2017 ist „Unter dem Milchwald“ wieder im kleinen märkischen Netzeband eine Autostunde nördlich von Berlin zu sehen. Seit 20 Jahren wird in einem wunderschönen Park das Meisterwerk von Dylan Thomas mit überlebensgroßen Puppen und noch mehr Leidenschaft gespielt. Ein Kult-Stück. Nicht verpassen.