Category : aktuelles

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Geschlossene Gesellschaft

Ganz im Süden von Manhattan. Richtung One World Center. Wo einst zwei Türme standen, ragt ein schlanker Superturm noch kühner in den Himmel. Zu seinen Füßen Greenwich Village. Gleich nebenan das Viertel um die High Line. Ein schickes neues Stadtviertel entlang einer stillgelegten Hochbahn. Früher der Schlachthof New Yorks – heute Szeneviertel mit Restaurants, Clubs, Cafés. Wohnen als Investment oder Ausdruck der Zugehörigkeit zu den zahlungskräftigen Happy Few. Hier ist alles sündhaft teuer. Das Sandwich an der Ecke ist nicht unter zehn Dollar zu haben. Aber bitte mit Avocado! Der In-Frucht des New Yorkers. Ein paar Ecken weiter das legendäre White Horse Tavern. Kneipe. Und Mythos. Hier feierte der Waliser

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Take a walk

Reisender kommst du nach New York, heißt es: Los geht´s. Immer die Fifth Avenue lang. Geradeaus. Gen Süden. Vorbei am Central Park. Zwischen Häuserschluchten, hupenden Autos, eilenden Passanten, kichernden Touristen und misstrauischen Polizisten. In den Himmeln ragen Hochhäuser dünn wie Bleistifte. Lustwandeln wie einst Fontane? Geht nicht in dieser Stadt. Manhattan erhöht den Blutdruck. Kostenlos. Alles andere ist eine Nummer größer als anderswo und auf alle Fälle sündhaft teuer.   Warte nicht, bleib nicht stehen! Business wird gemacht. Wo eilen die Menschen hin? Zu Events, Meetings, Partys? Der New Yorker ist busy. Time is money. Schaufenster mit prächtig-schrillen Angeboten. Teure Accessoires, zum Beispiel ein Damentäschchen in Dackelform von Gucci. Dazu

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Stecker raus

Was ist, wenn der Strom ausfällt? Kein Netz, kein Gerät, kein Computer mehr funktioniert. Dann ist der moderne Zeitgenosse ausgestöpselt. Abgezogen. Außer Gefecht und Rand und Band. Auf neudeutsch Unplugged. Stecker raus. In der Musikbranche gilt dieser Moment als einzig wahrhafter. Wer kann heute im Business noch unverstärkt und ohne Sound-Computer auftreten? Wer ist noch in der Lage live zu spielen? Wer kann noch singen? Performen? Das sind die Minuten, auf die es ankommt, die zählen. Unplugged ist seit 1989 ein Format bei MTV. „Wer hier auftritt, hat’s geschafft: ‚MTV Unplugged‚ ist der Ritterschlag für die Größten der Großen“, heißt es vollmundig. Tja. Ungeschminkt sollen und können Musiker zeigen, was

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Das Leben der Fußgänger

„Rette sich, wer kann“. Es gilt „die Menschenwürde der Fußgänger hochzuhalten, die kaltblütig, mit Todesverachtung, den Kampf gegen die Übermacht aufnehmen“. Es geht um das Überleben im Großstadtdschungel. Wir befinden uns im Jahre 1934 in der Reichshauptstadt Berlin. „Ungepanzert und waffenlos“ muss sich der Fußgänger „in schlichter Zivilkleidung“ durchkämpfen, „inmitten des tobenden und klirrenden Wirrwarrs losgelassener Mammutmächte auf dieser wildgewordenen Welt – was ist jeder einzelne von uns anderes als ein Fußgänger?“ Diese Frage stellt der literarische Fußgänger Raimund Werner Martin Pretzel. Ein junger aufstrebender Referendar am Kammergericht Berlin, der sein Geld lieber mit kleinen Alltags-Texten bei der Vossischen Zeitung verdient. Die Fußgänger-Glosse ist eine geschickte Anspielung auf die neuen

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Was wird?

Que sera? Bass-Alt-Meister Marcus Miller und die hochtalentierte Selah Sue haben die passende Antwort: Es liegt an Dir. Mach was aus Deinem Leben. Ob weiß oder schwarz, reich oder arm – gute Lieder kennen keine Ober-Grenzen. Musik ist die Weltsprache, die jeder versteht, wenn er oder sie nur will. In diesem Herbst haben US-Bassist Marcus Miller und die belgische Singer-Songwriterin Selah Sue das alte Filmlied von 1965 neu intoniert. Que será, será Whatever will be, will be The future’s not ours to see Que será, será What will be, will be     Selah Sue ist in einer belgischen Kleinstadt aufgewachsen. Rasch schaffte die 29-jährige den Sprung von einem der

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Was zählt

Der Song entstand beim Telefonieren. Ein reines Zufallsprodukt. James Hetfield klimperte beim Plaudern. Die Gitarre im Arm. Für den E-Moll-Akkord braucht es keine linke Greifhand. Der Text fand kurz darauf seinen Weg ins Ohr. Eins, zwei, drei. Fertig war der Mega-Song. Nothing else matters. Auf deutsch – Was wirklich zählt. Der Witz: Diese melodiöse Ballade ist von Metallica. Einer hochaufgeladenen US-Hardcore-Metal-Band. Deren Motto: Drei Akkorde müssen reichen. Der Rest heißt: Lauter, härter, aggressiver.     Die Geschichte von Noething else matters erzählt eine alt-bekannte Geschichte.  Aus Wut und Frust wird das unbedingte Verlangen nach Liebe. Wir hören von harten Jungs mit weichem Kern. Wenn das richtige Lied zur richtigen Zeit

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Das Wunder von Rossow

Bange machen gilt nicht. Seit 93 Jahren lebt Edith von Jüchen nach diesem Motto. Dieses unerschütterliche Selbstvertrauen verdankt sie ihrem Vater Aurel von Jüchen. Einem adeligen Gottesmann aus Gelsenkirchen. Er war in den Nazi-Jahren im brandenburgischen Rossow Pastor. Tochter Edith sagt: „Trotzalledem. Ich bleibe dabei. Es war die beste und schönste Zeit meiner Jugend.“     November 1938. Edith ist vierzehn Jahre alt als der Nazi-Terror gegen Juden über Deutschland hinwegfegt. Im kleinen Rossow bei Wittstock tauchen am 11. November 1938 angetrunkene SA-Leute in Zivil auf. Es ist ein Samstag, zwei Tage nach den organisierten Pogromen im gesamten Reichsgebiet. Der Kreisleiter aus Pritzwalk feiert Geburtstag und das einzige Judenhaus von

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„Mein Milljöh“

Wie fast alle Berliner Originale, war auch er ein Fremder, ein Zugereister. In diesem Fall ein Sachse aus Radeburg: „Pinselheinrich“ Zille. Der Maler und Chronist verkörpert die perfekte Kombination aus Berliner Schnauze und Berliner Lebensart. Ähnlich wie Volks-Sängerin Claire Waldoff, deren Wiege in Gelsenkirchen stand. Nun hat die Berlinische Galerie Heinrich Zilles fotografischen Schatz freigegeben. Es sind 628 Fotografien aus der Kaiserzeit und der Weimarer Republik. Dieses einmalige Erbe ist seit kurzem Volkseigentum. Rechtefrei und kostenlos verwendbar.       Die Fotografien zeigen weder Kaisers Glanz und Gloria noch das vielbeschworene und verruchte Babylon Berlin. Zille kümmerte sich um die kleinen Leute. Um den Alltag in engen Hinterhöfen, trostlosen Mietskasernen

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So viel Nähe: Muss das sein?

So dramatisch wie im Kino oder in Serien vollziehen sich große Veränderungen selten. Dramen geschehen eher beiläufig, oft unbeabsichtigt und manchmal auch lakonisch. Hoffnungen und Enttäuschungen, Mut und Angst offenbaren sich in der Regel in kleinen Episoden. Das ist der wahre Lauf der Geschichte. Der Alltag, der sich manchmal in einem einzigen Moment verdichtet, entlädt oder sogar explodiert. Bei meinen Lesungen werde ich immer wieder gefragt, wie „meine“ Dorfbewohner auf das Buch reagiert hätten. Ob ich mich noch blicken lassen könne? Meine Antwort ist immer die gleiche: Ja. Die vielen Jahre Vorbereitung, Gespräche und Rücksprachen haben sich offenbar gelohnt. Natürlich gibt es Beleidigte, Gekränkte und einige Empörte. Doch diese Menschengruppe

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Unter dem Pflaster der Strand

Die Welt verändern. Aus den Angeln heben. Wie hieß es noch? „Wer sich nicht wehrt, lebt verkehrt“.  Ein halbes Jahrhundert ist es nun her. Die Helden von damals sind alt geworden. Heute heißt es Ruhestand, Reha und Rollator statt Revolte, Sex, Drugs and Rock´n Roll. Die vielbeschworenen und heftig verdammten „68er“ sind mittlerweile um die achtzig geworden. Die vier „68er“, die wir getroffen haben, sind hellwach, engagiert und hochpolitisch geblieben.  Einer aus dem Quartett erweist sich bis heute als auffallend extrem, wechselte jedoch komplett die Seiten: Horst Mahler. Vom Faschismus-Feind zum Hitler-Verehrer. Mahler blieb uns ein großes Rätsel.     Die Revoluzzer von 1968 hatten große Pläne und große Sprüche:

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