Category : aktuelles

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Tl; dr

Die Überschrift – ein Rätsel? Funde aus vergangenen Zeiten? Eine chemische Formel? Nichts verstanden? – Da kann geholfen werden. Hier grüßt der digitale Zeitgeist. Tl bedeutet too long – dr = didn´t read. Kurzum: Wenn Geschichten zu lang sind, werden sie nicht gelesen. So einfach ist das. Kein neues Phänomen, aber ein neuer Name. Wenn Texte langweilen, steigt die geneigte Leserschaft aus. Oder fängt erst gar nicht an. Die User im Netz sind höchst sensibel, nervös und ungeduldig. Die nächste News, der nächste Spot. Wisch und weg. Das hohe Gut Aufmerksamkeit ist eine knappe Ressource. Was tun? – Trotzig dagegen halten? Oder mitsurfen und nach Schlagzeilen schielen? Die Klicks und

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„Top of the world“

Eine lange Schlange vor dem Jazz-Club Village Vanguard. Anstehen für das zweite Konzert. Warten auf Ben Wendel. Ein Kanadier in New York. Am Ende der Straße leuchtet das One World Center. Errichtet auf den Trümmern des World Trade Center. Manhattan kurz vor halb elf abends. Gelbe Taxen huschen vorbei, hupen, halten. Starten durch. Die Menge verharrt geduldig. Der erste Durchgang ist vorbei. Das Halb-neun-Publikum strömt die Stufen aus dem Basement nach oben, verlässt den Club, wird verschluckt vom unablässigen Strom der Menschen, Autos, Busse, Bahnen. Unten im Bauch des Vanguard viel roter Plüsch an den Wänden. Schwarz-Weiß-Fotos von Jazz-Größen. Sparsame Beleuchtung. Es ist klein, eng, dunkel und voll. Jeder Zentimeter

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Was uns blüht

Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne. Eine alte Weisheit. Immer wieder neu erlebt. Was hatten die frisch vereinten Deutschen vor dreißig Jahren für Träume, Hoffnungen, Erwartungen. Meinungsfreiheit. Blühende Landschaften. Viasfrei bis Hawaii. Die friedliche Wende hat sich in ein lautes, verzagtes Jammern, Klagen und Verdammen verwandelt. Geh ins Offene, empfahl Hölderlin. Doch wohin? Ohne Geländer? Ohne Führung? Selbstbestimmt gar? Das verquere Ding mit der Einheit. So viel Frust war nie. Der Osten wütend, der Westen genervt. Die SPD ausgelaugt, die AfD stark. Tonnen an Büchern, Schriften und Rechtfertigungen versinken im trockenen Sand wie ein heißer Sommerregen. Der gemeinsame Grund scheint ausgelaugt und verstaubt zu sein wie der Waldboden in unserem

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Mann mit Fahrrad

Ein Mann steht stumm mit seinem Fahrrad am Straßenrad. Er schweigt. Dabei hätte er viel zu sagen. Touristen ziehen vorbei, fotografieren ihn. Oder sie knipsen sich, am besten ein Selfie mit dem stummen Radfahrer. Der Mann mit Mütze und skeptischem Blick steht in Oslo. Direkt an der Karl Johans Gate, dem Kurfürstendamm der norwegischen Hauptstadt. Wartet er? Ist er verabredet? Was hat er vor? Er kann nichts sagen. Er ist aus Bronze. Ich bewundere den stillen Zeitzeugen. Ein Freund hatte mir den Tipp gegeben, ihn in Oslo zu besuchen.     Gunnar Sonsteby heißt der unbekannte Radfahrer mit der kecken Schiebermütze. „Freiheitskämpfer 1940-1945“ ist auf einem Schild vermerkt. Während ich

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Geschlossene Gesellschaft

Ganz im Süden von Manhattan. Richtung One World Center. Wo einst zwei Türme standen, ragt ein schlanker Superturm noch kühner in den Himmel. Zu seinen Füßen Greenwich Village. Gleich nebenan das Viertel um die High Line. Ein schickes neues Stadtviertel entlang einer stillgelegten Hochbahn. Früher der Schlachthof New Yorks – heute Szeneviertel mit Restaurants, Clubs, Cafés. Wohnen als Investment oder Ausdruck der Zugehörigkeit zu den zahlungskräftigen Happy Few. Hier ist alles sündhaft teuer. Das Sandwich an der Ecke ist nicht unter zehn Dollar zu haben. Aber bitte mit Avocado! Der In-Frucht des New Yorkers. Ein paar Ecken weiter das legendäre White Horse Tavern. Kneipe. Und Mythos. Hier feierte der Waliser

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Take a walk

Reisender kommst du nach New York, heißt es: Los geht´s. Immer die Fifth Avenue lang. Geradeaus. Gen Süden. Vorbei am Central Park. Zwischen Häuserschluchten, hupenden Autos, eilenden Passanten, kichernden Touristen und misstrauischen Polizisten. In den Himmeln ragen Hochhäuser dünn wie Bleistifte. Lustwandeln wie einst Fontane? Geht nicht in dieser Stadt. Manhattan erhöht den Blutdruck. Kostenlos. Alles andere ist eine Nummer größer als anderswo und auf alle Fälle sündhaft teuer.   Warte nicht, bleib nicht stehen! Business wird gemacht. Wo eilen die Menschen hin? Zu Events, Meetings, Partys? Der New Yorker ist busy. Time is money. Schaufenster mit prächtig-schrillen Angeboten. Teure Accessoires, zum Beispiel ein Damentäschchen in Dackelform von Gucci. Dazu

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Stecker raus

Was ist, wenn der Strom ausfällt? Kein Netz, kein Gerät, kein Computer mehr funktioniert. Dann ist der moderne Zeitgenosse ausgestöpselt. Abgezogen. Außer Gefecht und Rand und Band. Auf neudeutsch Unplugged. Stecker raus. In der Musikbranche gilt dieser Moment als einzig wahrhafter. Wer kann heute im Business noch unverstärkt und ohne Sound-Computer auftreten? Wer ist noch in der Lage live zu spielen? Wer kann noch singen? Performen? Das sind die Minuten, auf die es ankommt, die zählen. Unplugged ist seit 1989 ein Format bei MTV. „Wer hier auftritt, hat’s geschafft: ‚MTV Unplugged‚ ist der Ritterschlag für die Größten der Großen“, heißt es vollmundig. Tja. Ungeschminkt sollen und können Musiker zeigen, was

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Das Leben der Fußgänger

„Rette sich, wer kann“. Es gilt „die Menschenwürde der Fußgänger hochzuhalten, die kaltblütig, mit Todesverachtung, den Kampf gegen die Übermacht aufnehmen“. Es geht um das Überleben im Großstadtdschungel. Wir befinden uns im Jahre 1934 in der Reichshauptstadt Berlin. „Ungepanzert und waffenlos“ muss sich der Fußgänger „in schlichter Zivilkleidung“ durchkämpfen, „inmitten des tobenden und klirrenden Wirrwarrs losgelassener Mammutmächte auf dieser wildgewordenen Welt – was ist jeder einzelne von uns anderes als ein Fußgänger?“ Diese Frage stellt der literarische Fußgänger Raimund Werner Martin Pretzel. Ein junger aufstrebender Referendar am Kammergericht Berlin, der sein Geld lieber mit kleinen Alltags-Texten bei der Vossischen Zeitung verdient. Die Fußgänger-Glosse ist eine geschickte Anspielung auf die neuen

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Was wird?

Que sera? Bass-Alt-Meister Marcus Miller und die hochtalentierte Selah Sue haben die passende Antwort: Es liegt an Dir. Mach was aus Deinem Leben. Ob weiß oder schwarz, reich oder arm – gute Lieder kennen keine Ober-Grenzen. Musik ist die Weltsprache, die jeder versteht, wenn er oder sie nur will. In diesem Herbst haben US-Bassist Marcus Miller und die belgische Singer-Songwriterin Selah Sue das alte Filmlied von 1965 neu intoniert. Que será, será Whatever will be, will be The future’s not ours to see Que será, será What will be, will be     Selah Sue ist in einer belgischen Kleinstadt aufgewachsen. Rasch schaffte die 29-jährige den Sprung von einem der

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Was zählt

Der Song entstand beim Telefonieren. Ein reines Zufallsprodukt. James Hetfield klimperte beim Plaudern. Die Gitarre im Arm. Für den E-Moll-Akkord braucht es keine linke Greifhand. Der Text fand kurz darauf seinen Weg ins Ohr. Eins, zwei, drei. Fertig war der Mega-Song. Nothing else matters. Auf deutsch – Was wirklich zählt. Der Witz: Diese melodiöse Ballade ist von Metallica. Einer hochaufgeladenen US-Hardcore-Metal-Band. Deren Motto: Drei Akkorde müssen reichen. Der Rest heißt: Lauter, härter, aggressiver.     Die Geschichte von Noething else matters erzählt eine alt-bekannte Geschichte.  Aus Wut und Frust wird das unbedingte Verlangen nach Liebe. Wir hören von harten Jungs mit weichem Kern. Wenn das richtige Lied zur richtigen Zeit

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