Category : aktuelles

post image

Von guten Mächten

„Gefangener Bonhoeffer, fertig machen, mitkommen!“ Am frühen Morgen des 9. April 1945 muss sich der Delinquent nackt ausziehen. Tod durch Strang, lautet das Urteil, auf persönlichen Befehl des „Führers“. Im Hinrichtungshof des bayrischen Konzentrationslagers Flossenbürg ist in der Ferne bereits der Geschützdonner der heranrückenden 3. US-Army zu hören. Der Gefangene Dietrich Bonhoeffer, Theologe, 39 Jahre alt, ist auf seinem letzten Weg. Verurteilt von einem Standgericht ohne Verteidigung, Zeugenanhörung, Gerichtsprotokoll. Die letzten Minuten. Ein qualvoller Tod. Die Hinrichtung soll sich in „einer abstoßender Szene“ vollzogen haben. Seine letzte Worte: „Das ist das Ende. Für mich aber der Beginn des Lebens“.   Ulrich Tukur spielt Dietrich Bonhoeffer. Die letzte Stufe. (2000)  

Read More →

post image

Lucky Man

Die Ballade handelt von einem Mann, der alles hat: Reichtum, Pferde, Frauen. Er regiert sein Land wie ein König. Dann zieht er in den Krieg und stirbt. All sein Reichtum nutzt ihm nichts. Komponiert hat das Lied der Bassist Greg Lake (1947-2016 Ex King Crimson). Lucky Man war der größte Erfolg des britischen Trios Emerson, Lake & Palmer. Ihr Ohrwurm brach 1970 auf, um die Welt zu erobern. Der Clou: Keith Emerson setzte als erster Pianist den Moog Synthesizer ein und zog buchstäblich alle Register.     Lucky Man He had white horses And ladies by the score All dressed in satin And waiting by the door Oh, what a

Read More →

post image

Idiocracy

Mehr geht nicht. – Doch! Der Mann will jetzt zum Mars fliegen. Und endlich den Friedensnobelpreis erhalten, der fehlt ihm noch. Mit Nordkorea hat es nicht geklappt. Vielleicht doch mit Syrien? Es läuft great für Donald Trump. Der größte Dealer aller Zeiten steht im absoluten Zenit. Wiederwahl? – Sehr wahrscheinlich. Alles richtig gemacht? – Na, logisch. Der 45. Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika erklärte einmal im christlichen Dordt College in Iowa. „Ich könnte mitten auf der Fifth Avenue stehen und jemanden erschießen, und ich würde keine Wähler verlieren“. Diese Trump-Rakete zündete er 2016 vor seiner Wahl. Sein ernst gemeinter Geistesblitz ist nach vier Jahren noch richtiger. Das Absurde feiert

Read More →

post image

„Krieg in meinem Kopf“

Beth Hart gibt Konzerte ohne Handbremse. Ohne Playback. Ohne Schnickschnack. Sie geht bis an ihre Schmerzgrenze und manchmal weit darüber hinaus. Herz und Seele trägt sie offen auf der Zunge. Ihre Stimme ist voller Gefühl und Gebrochenheit, gereicht Janis Joplin oder Tina Turner zur Ehre. In die Logik der Unterhaltungsbranche mit ihren gecasteten Sternchen und Hochglanzprodukten passt sie eigentlich nicht rein: die US-Sängerin Beth Hart. Sie geht einen anderen Weg. Sie will ehrlich bleiben – zu sich und ihrem Publikum. Auf der Bühne ackert, rackert und sie bis zum Umfallen. Immer am Limit. Beth ist die weibliche Antwort auf Joe Cocker. Blues vom Feinsten. Mit einer Röhre zum Niederknien.  

Read More →

post image

„Gutes tun“

Keine schlechte Idee. Gutes tun. Noch besser: „Im Verborgenen Gutes tun!“ – Das verheißt eine Imagekampagne des Verfassungsschutzes. Die Geheimdienstler suchen qualifizierten Nachwuchs. Festanstellung, Verdienst, Rente – alles gesichert. Um dann Gutes zu tun. So das Versprechen einer Behörde, die über 3.500 Mitarbeiter und einen Etat von 422 Millionen Euro hat. Zum Vergleich: Den obersten Verfassungsschützern, also dem Bundesverfassungsgericht, der zum Beispiel auch Missstände des Verfassungsschutzes notfalls auszubessern hat, stehen rund 31 Millionen Euro zur Verfügung. Die Personalausstattung: 16 Richter und 64 Mitarbeiter.     Wenn Michael und Elisabeth Buback an die verborgenen Verfassungsschützer denken, wird ihnen wenig wohl ums Herz. Seit vielen Jahren kämpfen die Bubacks um Aufklärung und

Read More →

post image

Frische Energie aus Estland

Das Land ist klein. Doch die Zahl der Talente groß. Estland im Baltikum zählt gerade einmal 1.3 Millionen Seelen. Da ist selbst München größer. In dem Kleinstaat an der Ostsee ist jedoch nicht Biertrinken oder Fußball Volkssport, sondern Singen. Die Ostsee-Republik hat mit Kadri Voorand einen neuen Shooting Star. Die vielseitige Sängerin experimentiert, wagt Grenzüberschreitungen und bewegt sich souverän zwischen Folk, Rock und Jazz. Ihre Performance ist jung, innovativ, frisch. I´m not in love … with you singt die 33-jährige. Ach, da heißt es: Ich liebe deine mitgebrachten Rosen. Aber dich liebe ich nicht.     Kadris Herz will erobert werden. Ihre Musik auch. Die Songs sind anspruchsvoll, aber voller

Read More →

post image

„Ich wollte frei sein!“ (2)

Jutta Wehmann gehörte 1989 zum überschaubaren „Häuflein der Mutigen“. Sie wagte in der Kleinstadt Nordhausen (heute 42.000 Einwohner) mutig den Neuanfang. Die erblindete Musiklehrerin führte Tagebuch. Sie hielt die Umwälzungen in ihrer thüringischen Heimat vor dreißig Jahren fest. Hier der zweite Teil ihrer unveröffentlichten Notizen. Die Aufzeichnungen sind ein eindrucksvolles Dokument ihrer Hoffnungen und Ängste auf dem Weg zur deutschen Einheit.     „6.1.1990 In Nordhausen hat sich das Neue Forum (NF) und der Demokratischer Aufbruch (DA) etabliert. Dazu kam später Ende November die SDP (später dann die SPD). Von jeder Gruppierung saßen Abgeordnete am Runden Tisch in unserer Stadt auch von den geduldeten Führungskadern der ehemaligen SED, die sich

Read More →

post image

„Ich wollte frei sein!“

Jutta Wehmann treffe ich in einem Hotel in Berlin-Mitte. Sie begleitet ihren Mann, einen Tierarzt zu einer Untersuchung in der Charité. Die rüstige Rentnerin sprudelt voller Ideen. Wie vor dreißig Jahren, als sie im thüringischen Nordhausen zum kleinen Kreis der Mutigen gehörte, die für einen Neuanfang standen. „Ich wollte frei sein, frei denken und frei handeln.“ Was sonst? Sie schaut mich an. Dabei ist Jutta Wehmann mittlerweile nahezu erblindet. Doch die einstige Musiklehrerin ist aufmerksamer als viele die sehen können und am Ende doch nur wegschauen. „Wo ist der aufrechte Gang des Volkes geblieben?“ fragt sie und antwortet wie aus der Pistole geschossen: „Schade- nur noch Oberflächlichkeit.“ Wehmann führte in

Read More →

post image

Hurra! Die Zwanziger kommen

Willkommen im Berlin der Zwanziger Jahre. In der Friedrichstraße gehen die Revue-Lichter wieder an. Im Admiral-Palast wird der perfekte Berlin-Nostalgie-Abend versprochen: „Paillettenkleider glitzern im Abendlicht, heiße Melodien treiben zu immer zügelloseren Tänzen an und alle Grenzen verschwimmen im sündigen Dickicht der Nacht.“ Babylon Berlin hat Konjunktur. Im Kino, auf Netflix, in den Clubs, in den Köpfen von Unterhaltungsmachern und Vergnügungssüchtigen. Der Spiegel meint in seiner Titelgeschichte über die Goldenden Zwanziger, „als die Vergangenheit noch Zukunft war“.   Berlins Exportschlager: Mackie Messer – ein Welterfolg   Alles auf Anfang! Die Zeitmaschine kommt auf volle Touren. Mythos Berlin. Die Roaring Twenties. Mit Heilsbringern, Propheten, viel Glitzer und Elend, Halunken, Huren, Kommunisten und

Read More →

post image

Oh happy Day

Heiligabend. Einmal im Jahr sind die Kirchen so rappelvoll wie Fußballarenen oder Möbelhäuser am verkaufsoffenen Sonntag. Dann werden Wünsche nach Geborgenheit, Kindheit und Gemeinsamkeit bedient. Hobby-Bläsergruppen holen das Letzte aus ihren Geräten heraus. Manchmal klingt ihr „Oh du fröhliche“ so herrlich schräg, dass die Engel im Himmel verzückt Halleluja – herrlich daneben! – rufen könnten. Die Pastorinnen und Pastoren werden an diesem Tag nicht müde, Glaube, Liebe, Hoffnung und Demut in einer überdrehten Ego-Welt zu predigen. Wie meinte doch einmal der alte Spötter Heinrich Heine? – „Wir wollen hier auf Erden schon/das Himmelreich errichten.“ Gott als Selbsterfahrungstrip? Jesus als Retter? Vielleicht für ein paar Stunden an Weihnachten, im Alltag wohl

Read More →

1 2 3 4 5 27