Category : aktuelles

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„The way it is“

Der Mann am Klavier ist keine dreißig, verkriecht sich in der Garage und schreibt auf, was er in seiner Kleinstadt Williamsburg sieht, hört und erlebt: The way it is. Wir schreiben das Jahr 1986. Bruce wächst wohlbehütet auf. 15.000 Einwohner, gepflegte Vorgärten, US-Südstaaten-Idylle. In Virginia heißt es nur: „So ist das und so bleibt das!“ Quasi Gott gewollt. Bruce Hornsby eifert seinem Idol Bob Dylan nach, lässt sich von seinem Protestsong „Girl from the North Country“ anregen. Bruces Botschaft ist einfach: „Glaubt das nicht!“ Ausgrenzung, Diskriminierung und weiße Willkür sind keineswegs gottgegeben, auch wenn es manche sonntags predigen. Vor genau vierzig Jahren geschieht das kleine Wunder von Williamsburg. Der Südstaaten-Boy

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Alexander, der Große

Alexander Kluge ist dreizehn, als der Krieg endet. Ein Jahr älter als das Dritte Reich. Das Elternhaus ist beim großen Bombenangriff auf seine Heimatstadt Halberstadt abgebrannt, drei Tage vor der Befreiung durch die US-Armee. Doch der wichtigste Tag beim Kriegsende ist für den jungen Kluge der 1. Juni 1945. Die Rückkehr seiner Mutter aus Berlin. „Steht in der Tür und umarmt mich. Ich erinnere mich an eine junge Frau, wie sie in den Kleidern dieser Zeit vor mir steht, in Vorkriegsmode, zigmal umgeschneidert. Meine Eltern waren ja seit 1942 geschieden. Für meine Schwester und mich ist diese Scheidung schlagender und vernichtender als die Tatsache, dass unser Elternhaus bei dem Bombenangriff

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„Ohne Berlin kein Bach“

Berlin und Bach? Zugegeben: Das passt nicht so richtig. Oder mal wieder nur große Klappe? Typisch Berlin? Was stimmt: Auch 341 Jahre nach seiner Geburt wird Johann Sebastian Bach weltweit gefeiert. Der Thomaskantor aus Leipzig mit seinen über zweihundert Werken: Sinfonien, Toccaten, Choralbearbeitungen, Trios, Partiten, Präludien und Fugen. Anfang des 18. Jahrhunderts war der barocke wie kreative Komponist eine Berühmtheit. Gefeiert und gerne gespielt, nach seinem Tod 1750 jedoch wurde er vergessen. Sohn Carl Philipp Emanuel Bach war zu Lebzeiten berühmter als sein Vater. Es dauerte fast ein Jahrhundert, bis Vater Johann Sebastian wiederentdeckt wurde. Wo? In Berlin.     11. März 1829. Der entscheidende Tag, an dem der vergessene

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Geliefert

Lesung in einem kleinen Second Hand-Laden in der Leipziger Südstadt. Zu Gast im überfüllten Gisiversum: Tomer Gardi. Groß, langer grauer Bart, gut gelaunt, offenes Hemd und auf Tour mit seinem neuen Roman: »Liefern«. Gardi ist ein Weltreisender und Entdecker wie einst Kolumbus. Aufgewachsen in einem Kibbuz in Galiläa, als Jugendlicher an der Amerikanischen Schule in Wien, nunmehr in seiner Wahlheimat Berlin. Der 52-jährige Israeli gilt als neuer Popstar der Literatur. Und Gardi liefert. Genau, gründlich und mit großem Humor. Er erzählt eine Geschichte über Essenslieferanten in sechs Kapiteln. Er nennt sie die „Riders“. Eine faszinierende Innenansicht aus dem Maschinenraum unserer globalen Welt. Von Berlin bis Buenos Aires, von Istanbul bis

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Volle Kraft voraus

Fünf Jungs verwandeln ihre Konzertabende in wilde Hexenkessel. Konfetti-Kanonen knallen los. Die Band beginnt laut, klar und geradeaus. Eine begeisterte Menge schubst sich ausgelassen im dichten, schweißnassen Pogokessel vor der Bühne. Selbst kritische Medien sind begeistert. „Massenkarambolage aus Glück“, heißt es, oder: „Utopie für zwei Stunden“ und „Kraftklub verwandelt Luxemburg in zwei Stunden Randale“. Willkommen im Karl-Marx-Stadt-Kosmos. Kraftklub aus Chemnitz macht seinem Name aller Ehre. Ein Kraftwerk unter Volllast, eine Liveband wie ein AKW kurz vor der Kernschmelze. Im neuen Song Marlboro Mann heißt es: „Auch wenn es Abfuck ist und schwer. Auch wenn es Kraft kostet, so sehr. Auch wenn du das nicht mal bemerkst. Wir haben´s geschafft, schon

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Ach Berlin, du kesse Göre

Mitte März 1956. Vor genau siebzig Jahren. Eine Frau schlendert allein durch das abendliche verschneite Kudamm-Berlin. Die vertrauten alten Straßennamen rund um den Savignyplatz kommen ihr wie „ein sehnsüchtiges Gedicht“ vor. Am Boulevard Kurfürstendamm leuchten  Verkaufsvitrinen, der dunkle Rest dämmert dahin in der zerstörten, verwahrlosten Stadt. Die zierliche Fremde wundert sich. Schließlich steuert sie nach langem Zögern ihre alte Wohnung in der Bleibtreustraße 10/11 an. Ein heruntergekommenes Mietshaus, es steht noch. Die Türen sind verschmiert, im Treppenhaus grauer Treppenboden, „es riecht nach Windeln und Kohl und Piefkehaushalt“. So schildert die 48-jährige Mascha Kaléko, der umjubelte Shootingstar der letzten Weimarer Jahre, die Begegnung in der Bleibtreu. Sie nimmt sich ein Herz.

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Neues aus der Anstalt

Als ich nach vier Jahrzehnten ZDF meine Abschiedsparty feierte, wünschten mir viele eine gute Zeit. Ein Ritual, wenn jemand nach langer Zeit geht. Was mich überraschte, war etwas anderes. Erst einer, dann zwei, drei Kolleginnen und Kollegen raunten mir zu: „Du konntest Deine Meinung im Sender sagen. Du warst festangestellt. Dir konnte nichts passieren. Ich kann mir das als Freier nicht leisten. Ich muss meine Miete zahlen!“ Wie bitte? Ich stutzte. Ab dem dritten, vierten Mal fragte ich zurück: „Wieso? Was hat dich gehindert? Wir sind doch nicht in Adlershof, beim DDR-Fernsehen.“ Viele konnten nur süß-sauer lächeln. Mehr aber auch nicht. Privat eine andere Meinung als beruflich zu haben, ist

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Nur nichts verpassen

Dating-Ladys in schickem Outfit. Drohnenbilder von der ukrainischen Front. Eine stilgerechte Tischdecke. Hungernde Kinder in Gaza. Strandbilder aus Teneriffa. ICE-Agenten-Schüsse auf eine Mutter in den USA. Eine Schafsherde im Supermarkt. Die Hochzeit der Nachbarin. Martenstein bei seiner AfD-Rede. Wir scrollen uns unermüdlich in rasendem Tempo durch unsere Schöne Neue Digi-Welt. Bis die Augäpfelchen brennen und unsere Texthälse schmerzen, bis wir Handarthrose, Nackenstarre oder es am Rücken bekommen. Unentwegt beugen wir unser Haupt dem Gerät entgegen. Gekrümmte Menschen sind die Folge. Orthopäden sprechen vom Dropped-Head-Syndrom. Immer länger beten wir unseren kleinen Handy-Freund an, anstatt uns zu bewegen. Viele betrachten eher Bilder vom „Waldbaden“ als im echten Wald unterwegs zu sein. Keine

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„Angst essen Seele auf“

Wer klug ist, hält die Klappe. Seit hunderten Jahren. Denn: Wer seinen Mund aufmacht, muss gehen oder verschwindet. Typisch Russland? Ein westliches Klischee? Nein, leider nicht, stellt Lev Gudkov fest. „Angst konsolidiert Machtstrukturen.“ Der Moskauer ist eine Art Mastermind der russischen Meinungsforschung. Der 79-jährige Veteran agiert ungebrochen und bewundernswert angstfrei. Der Leiter des einzigen unabhängigen Meinungsforschungsinstituts Lewada in Russland weiß: „Selbstzensur und Angst bestimmen die russischen Gesellschaft“. Siebzig Prozent meinen, man dürfe anderen Menschen nicht trauen. Im Westen ist Gudkov Lew-Kopelew-Preisträger. In seiner Heimat gilt er als „ausländischer Agent“. Der Soziologe ist quasi vogelfrei.       Seine aktuellen Umfrageergebnisse: Achtzig Prozent unterstützen Putin und siebzig Prozent wünschen sich eine

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Die Macht der Machtlosen

Zwischen Karotten und Zwiebeln präsentiert ein Gemüsehändler in seinem Schaufenster den Spruch: „Proletarier aller Länder, vereinigt euch!“ Nicht um sein Angebot attraktiver zu gestalten oder gar aus purer Überzeugung. Nein, der gute Mann will seine Ruhe haben. Diese kafkaeske Geschichte aus dem einst realsozialistischen Prag erzählt der Schriftsteller Václav Havel: „Er tut das nicht, weil er von der Wahrheit dieses Gedankens überzeugt ist, sondern weil es von ihm erwartet wird“. Schließlich folgt Havels berühmter Kernsatz: „Das Schild ist ein Zeichen der Unterordnung, ein Versuch, in Ruhe gelassen zu werden.“ In der Lüge leben, das ist die Realität in autoritären Ländern. Macht beruht nicht nur auf Gewalt, sondern auch auf der

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