Hitlers letzter Geburtstag
Immer wieder regnet es an diesem Freitag, den 20. April 1945. Dichte Wolken hängen über der Reichshauptstadt. Aus der Ferne grummelt Geschützdonner. Raus aus Berlin! Nur weg heißt die Devise. „Rette sich, wer kann!“ Eine Massenflucht setzt ein, in Richtung Westen, größtenteils zu Fuß. An die zweitausend Passierscheine für Parteibonzen werden eiligst ausgegeben. Plötzlich wieder „Vollalarm“. US-Kampfbomber werfen ihre tödliche Last ab. Menschen kauern in Luftschutzkellern. Adolf Hitler begeht seinen 56. Geburtstag, es ist sein letzter. Tief unter der Erde geloben im Führerbunker die Letzten ihre „Treue bis in den Tod“, so Hitlers Kammerdiener Heinz Linge.
Happy Birthday, Adolf! Absurd, bizarr, grotesk! NS-Propagandachef Joseph Goebbels feiert im Großdeutschen Rundfunk ein letztes Mal seine Großtaten: „Wenn Deutschland heute noch lebt, wenn Europa und mit ihm das gesittete Abendland noch nicht ganz versunken ist – sie haben es ihm allein zu verdanken, denn er wird der Mann des Jahrhunderts sein. … Er ist der Einzige, der sich selbst treu blieb. … Er ist Deutschlands tapferstes Herz und unseres Volkes glühendster Wille.“
„Prost auf den Endsieg!“ Täglich „fallen“ an die zehntausend deutsche Soldaten, kommen tausende unschuldige Menschen ums Leben: Frauen, Kinder, Greise, Zwangsarbeiter, Flüchtlinge, Deserteure, KZ-Insassen. Das NS-Reich rast im Höllentempo in den Abgrund. Das nackte Chaos, der totale Wahnsinn. Zwischen Zossen und Wannsee bombardieren deutsche Kampfflugzeuge eine Wagenkolonne. So attackieren sie ihre eigenen Vorgesetzten, die sie für die Angriffsspitze der Roten Armee halten. Friendly Fire. Tatsächlich fallen die deutschen Bomben auf Hitlers flüchtenden Wehrmacht-Führungsstab, die zentrale Abteilung des Oberkommandos der Wehrmacht (OKW). Die Festung Berlin wird zur Falle.
„Mutti hat eben noch die letzten Schmucksachen vergraben. Meine Uhr behalte ich um, der Boden ist mir zu nass“, hält Lilo am 20. April 1945 fest, eine Schülerin aus Berlin-Friedrichshagen. „Ab und zu zittert das Haus von irgendeinem Einschlag, Ich weiß nicht, sind wir so wenig nervös, haben wir so wenig Fantasie oder sind wir absolut am Ende, dass uns alles gleichgültig erscheint, dass man nur das Ende herbeisehnt. … Kälte, Hunger und Bomben – Bomben! Manch einer meint, es wäre besser in Russenhand zu fallen als die dauernde Fliegerangst. Ich weiß es nicht“, notiert die Ärztin Anne-Marie Durand-Weyer aus Schöneberg.

Bruno Epple aus Radolfzell am Bodensee. Eintrag 20. April 1945 in seinem Tagebuch. Quelle: Stadtmuseum Radolfzell.
An „Führers Geburtstag“ vertraut der vierzehnjährige Bruno im fernen Radolfzell am Bodensee heimlich seinem Tagebuch an: „Nürnberg und Leipzig sind in russischer Hand. Die Russen haben den Stadtrand von Berlin erreicht. Viele, viele Menschen müssen für die Nazi-Bonzen das Leben lassen, damit sie noch einige Wochen länger leben können. (…) Nieder mit diesen Scheusalen, nieder mit diesen Mördern!! Es lebe Christus! Es lebe Deutschland. Es lebe die Freiheit.“
Aus Schüler Bruno wird später ein vielseitig begabter Künstler. Und Hitler? Keine zehn Tage später macht der Tod auch vor dem Bösen nicht Halt. Hitler beendet am 30. April 1945 sein Reich der Finsternis – durch Selbstmord. Offiziell wird verkündet, er sei „in seinem Befehlsstand in der Reichskanzlei, bis zum letzten Atemzuge gegen den Bolschewismus kämpfend, für Deutschland gefallen“. Die letzte Lüge des alten Regimes. Die Radiosender spielen „Siegfrieds Tod“ aus der „Götterdämmerung“.


