Weimar, „groß und frei“
»Hier ist gut sein!« sagt der alte Dichterfürst an einem sonnigen Septembermorgen des Jahres 1827, als er mit seinem Gefährten Eckermann den Ettersberg bestiegen hatte. »Ich dächte, wir versuchten, wie in dieser guten Luft uns etwa ein kleines Frühstück behagen möchte.« Bei gegrilltem Rebhuhn und Wein fühlt sich Goethe „groß und frei“, hoch über Weimar. Der Legende nach habe der Meister hier seine Initialen in eine Eiche geritzt, auf dem Ettersberg, Goethes Olymp. Genau hier errichten die Nazis gut ein Jahrhundert später im Sommer 1937 das größte Konzentrationslager auf deutschem Boden. Es soll K.L. Ettersberg heißen, KL steht für Konzentrationslager.
Doch die traditionsbewusste NS-Kulturgemeinde in Weimar erhebt Einspruch. Nicht gegen das geplante Konzentrationslager, nein, nur der Name Ettersberg dürfe nicht besudelt werden, er soll Goethe vorbehalten bleiben. So entscheidet sich SS-Chef Heinrich Himmler am Ende für den unverfänglichen Begriff Buchenwald. Bald ein Ort des Grauens und der völligen Gesetzlosigkeit. Buchenwald wird das größte KZ auf deutschem Boden. Diesem Dreiklang von Goethe, Ettersberg und Buchenwald begegnen wir im neuen Buch der Historikerin Katja Hoyer: „Weimar. Glanz und Grauen der deutschen Geschichte.“

Was von der Goethe-Eiche auf dem Ettersberg übriggeblieben ist. Quelle: Gedenkstätte Buchenwald. 2022
Der Ettersberg wird gerodet. Raum schaffen für alle Feinde der „Volksgemeinschaft“, für insgesamt 280.000 Buchenwald-Gefangene. Jeder fünfte Insasse überlebt die sieben Höllenjahre auf dem Ettersberg nicht. Einzig die dicke Goethe-Eiche zwischen Lagerküche und Wäscherei darf stehen bleiben. Im August 1944 muss der einzige Baum auf dem KZ-Gelände doch noch gefällt werden. Eine alliierte Bombe hatte die deutsche Eiche getroffen. Aus den Resten schnitzt der Leipziger Kommunist und Häftling Bruno Apitz heimlich „Das letzte Gesicht“, das Antlitz eines sterbenden Häftlings. Ein geflügeltes Wort in Weimar heißt: „Was ist der höchste Berg Deutschlands? Der Ettersberg! Hoch kommst du schnell, aber runter nicht mehr.“
Dieses weltberühmte Weimar schält Katja Hoyer wie eine Zwiebel. Schicht für Schicht legt sie frei. Mit Tränen der Freude und der tiefen Traurigkeit. Deutsche Geschichte auf dem Hackbrett. Prominenz ist ausreichend vorhanden. Hier wohnten Goethe, Schiller, Nietzsche, dessen Schwester Elisabeth Förster-Nietzsche, der Schriftsteller und Verleger Harry Graf Kessler. Aus Weimar kommen NS-Reichsjugendführer Baldur von Schirach, der Großvater des Schriftstellers Ferdinand von Schirach oder Hitlers persönlicher Sekretär und Trauzeuge Martin Bormann. Hitler selbst besuchte mehr als vierzig Mal die thüringische Kleinstadt. Er residierte im eigens für ihn umgebauten Hotel „Elephant“, in einer 80 Quadratmeter großen Führer-Suite. Hermann Göring lernte in Weimar die Schauspielerin Emmy Sonneman kennen; 1932 heirateten sie. Weimar erhält ein überdimensioniertes Gau-Forum.

Plakat zur Bauhaus-Ausstellung 1923. Weimar. Ort des Neuanfangs. Nationalverfassung. Bauhaus, NSDAP-Hochburg. Das kurze Leben der Weimarer Republik.
Die einstige Residenzstadt Weimar ist für Hoyer „Deutschlands Leuchtturm der Kultur“. Ort der ersten demokratischen Verfassung der „Weimarer Republik“, Geburtsstätte der Bauhauskultur und frühe NS-Hochburg, schließlich zwölf Jahre lang „Herz der Finsternis“. Die Stärke ihrer Buches liegt in der Vielfalt der Erzählung von Historischem im Privaten – von Nietzsches Schwester über Marlene Dietrich bis zum einfachen Schreibwarenhändler Carl Weirich, einem fleißigen Tagebuchschreiber oder der alteingesessenen Hotelbesitzerin Rosa Schmidt. Die Chefin des Hohenzollern, die anfangs Hitler als Stammgast beherbergte, überlebt den NS-Führer nicht. Ihr einziges Vergehen: Jüdische Großeltern, was sie bis zu ihrer Ermordung Ende 1944 in Auschwitz verbergen konnte.

Viele Anekdoten, spannende Geschichten aus dem Weimar-Biotop. Eine Frage bleibt: Haben die Deutschen damals wie heute Angst vor dem Neuen? Wählen sie statt der Moderne wieder völkisch-national?
Hoyers Gretchenfrage ist zeitlos wie brandaktuell: „Wie konnte sich Deutschland binnen weniger Jahre von einer der liberalsten Demokratien der Welt in eine völkermörderische Diktatur verwandeln? Welche Entscheidungen trafen einfache Deutsche, die diese Entwicklung möglich machten?“
Für Katja Hoyer erschließt sich „ein wesentlicher Teil dieses Rätsels“ am Beispiel Weimars. Das Städtchen der „Dichter und Denker“ gleiche einer Nussschale. Alles findet sich ein: Geist, Glanz und Grausamkeiten der letzten hundert Jahre. Wenn wir das Verhalten der Menschen von Weimar besser verstehen, so hofft Hoyer, könne der Schlüssel zu Erkenntnissen liegen, „wie wir Demokratie und Freiheit in unserer Zeit bewahren können“.
Fast 600 Seiten Weimar, wo man sich „groß und frei“ fühlen kann. Davon träumt im idyllisch-schönen Thüringen auch Björn Höcke. Ein ehemaliger Geschichtslehrer, dessen Interviews millionenfach geklickt werden.
Katja Hoyer. Weimar. Glanz und Grauen der deutschen Geschichte.

Goethe in Weimar. Schiller nicht zu vergessen. Ein Ort zum Verweilen, Genießen und Nachdenken, worauf es im Leben ankommt.
