Category : aktuelles

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Bis zum letzten Atemzug

Vor genau 75 Jahren. Das Dritte Reich liegt in den letzten Zügen. Der 23. April 1945 ist ein Montag mit typischem Aprilwetter. Sonne folgt auf Regen. Auf der Landstraße von Neuruppin nach Wittstock ist auf einmal das tausendfache Klappern von Holzpantinen zu hören. Elendsgestalten in Blöcken zu jeweils fünfhundert Mann schleppen sich gen Norden. Die SS verfolgt ihren letzten teuflischen Plan. Über dreißigtausend KZ-Häftlinge aus Sachsenhausen sollen zur Ostsee getrieben werden, um dort auf Schiffen versenkt zu werden. Am 29. April 1945 können die Überlebenden in Mecklenburg befreit werden.     Der 51-jährige Reinhold Heinen ist einer der Todeskandidaten. Er quält sich im Block der Politischen seit zwei Tagen über

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So viel Zukunft war nie

Mein Krankenhaus, in dem ich seit drei Jahren ehrenamtlich mithelfe, ist geschlossen. Im gegenwärtigen Corona-Modus sind ganze Stationen geräumt und isoliert worden. Bisher blieb der große Ansturm aus. Gott sei Dank. Aber was ist mit dem Stammpersonal? Wie geht es den Pflegekräften und der Ärzteschaft? In Nachrichten und Talkshows sind Virologen Dauergäste. Aber Pflegerinnen und Pfleger, Schwestern, Stationsärzte? Fehlanzeige oder ganz seltene Ausnahmefälle. Dabei sind sie hautnah ganz vorne und am intensivsten an Corona-Patienten. Was auf der Hand liegt: Statt Balkon-Beifall für Pflege- und Stationspersonal wären angemessene Löhne und Gehälter eine wirkliche Verbesserung. Ein Schritt in die Zukunft. Der 23-jährige Alexander Jorde ist einer der wenigen, der offen über die

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„Da müssen wir durch“

Leben im Sperrgebiet. Die Sonne strahlt. Kraniche ziehen übers Land. Birken blühen auf. Kröten wandern. Nicht wenige bleiben platt am Straßenrand zurück. Trecker auf Feldwegen wirbeln dickbraune Staubwolken auf. Sie schütten literweise streng riechende Gülle auf ihre Äcker. Es ist eigentlich wie jedes Frühjahr. Die märkische Heide ist im dritten Jahr staubtrocken. Wir warten auf die Störche. Oder gilt für sie auch das neue Einreiseverbot wie für alle Fremden, besonders diejenigen aus Berlin? Das kleine Herzdorf, wie unser Dorf in meinem Buch heißt, befindet sich seit zwei Wochen mitten in der Verbotszone. Der zuständige brandenburgische Landkreis OPR (Ostprignitz-Ruppin) hat ein Betretungsverbot erlassen. Corona führt Regie.     Wenige Tage vor

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Der Brotaufstand von Rahnsdorf

Vor genau 75 Jahren. Der Krieg steht vor Berlin. Er kehrt in die Stadt zurück, in der er begonnen wurde. Die Rote Armee setzt zur Entscheidungsschlacht an. Hitler erklärt im Führer-Bunker: „Der Soldat kann sterben, der Deserteur muss sterben.“ Am 1. April 1945 um 20.00 Uhr (kein Aprilscherz) meldet der neue Sender „Radio Werwolf“: „Lieber tot als rot! – Siegen oder sterben! – Hass ist unser Gebet, Rache unser Feldgeschrei.“ Die allermeisten Berliner wollen nicht mehr kämpfen. Sie hungern, kämpfen ums nackte Überleben. Ende März beschließt die NSDAP eine Sonderbrotverteilung nur für Parteigenossen. Im östlichen Bezirk Köpenick ist bereits der Geschützdonner zu hören. Es ist der 6. April 1945, ein

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Bruderliebe

Es sind Dokumente ohnmächtiger Wut. Botschaften an den Bruder. – „Die Person“. „Unser Wüterich.“ „Der raubgierige Mensch.“ „Der Hanswurst.“ „Der größte Schmutzfink und Geizhals.“ „Die gemeinste Bestie, die Europa hervorgebracht hat.“ „Der garstigste und boshafteste Dummkopf.“ „Der Tyrann.“ – Reicht´s? Ich denke ja. So bezeichnet ein ehrwürdiger Prinz seinen vierzehn Jahre älteren Bruder. Objekt der Verwünschungen: Der preußische König Friedrich II. Genannt „Friedrich der Große.“ Volkstümlich besser bekannt als „Alter Fritz“. Der Unglückliche? Sein kleiner Bruder. Prinz Heinrich von Preußen. Zeitgenossen nannten ihn den „König von Rheinsberg“. In der idyllischen Provinz fernab von Macht und Hofstaat lebte 46 Jahre lang der ewige Zweite im Preußenstaat. Der vergessene Monarch. Dabei war

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Das Schloss

Die Lage ist traumhaft. Hoch über dem Bodensee. Blick auf die Insel Reichenau. Gesichert durch Zäune versteckt sich Schloss Eugensberg hinter hohen Hecken im Kanton Thurgau, diskret wie ein Schweizer Nummernkonto. Ein Paradies auf Erden. Viele Millionen Franken wert. Sechs komfortable Wohnräume im Empire-Stil, elf Schlaf- und fünf Badezimmer. Pool, ein Tempel und selbstredend ein eigener Tennisplatz. Das Schloss hat eine sehr spezielle Geschichte. Zu berichten ist von stetem Aufstieg und Fall. Dieses Schloss verschlingt seine Bewohner.     Anfangs residierte der Hochadel, später der europäische Geldadel. Eugène de Beauharnais, Stiefsohn Napoleons und Vizekönig von Italien, ließ das klassizistische Schloss zwischen 1819 und 1821 errichten. Er vermachte aus Krankheitsgründen das

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Das Wunder von Wilmersdorf

Berlin ist Corona-Sperrzone. Berlin hat den Klimanotstand ausgerufen. Berlin taumelt zuverlässig und manchmal selbstverliebt von Krise zu Krise. Und doch geschehen Zeichen und Wunder. Am 18. März 2020 gegen 12 Uhr 20 fuhr ein mit Jungbäumen beladener LKW vor. Entschlossen packten mehrere Männer an und hievten mit Hilfe eines Krans einen dünnen, aber ambitionierten Spitzahorn auf die verwaiste Fläche vor unserem Haus. Sie pflanzten einen Baum! Unfassbar. Ein kleines Wunder.     Potzblitz! Donnerwetter! Stockschwerenot! Was ist nur passiert? Wie ist das möglich? Egal. Was zählt sind Glücksmomente und Gänsehaut-Gefühle. Es ist geschehen. Es geht doch! Nach exakt 895 Tagen Warten, Bitten, Fluchen und Hoffen, nach einem Dutzend Protestbriefe, mal

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Die Quittung?

Die Zeugen Jehovas stehen in doppelter Personal-Stärke am Bahnhof Friedrichstraße. Entschlossen und stumm halten sie ihren „Wachturm“ den Vorbeieilenden ins Gesicht. Doch kaum einer der Berlinerinnen und Berliner schaut auch nur auf. Dabei haben die Zeugen Jehovas in diesen Tagen richtig Rückenwind. Sie sagen: „Liebe Brüder, wir sind nun absolut sicher, dass Jehova den Corona-Virus dazu bestimmt hat, Harmagedon zu starten. Aus diesem Grund empfehlen wir Euch mit sofortiger Wirkung alle Spenden an die Organisation einzustellen, wir brauchen kein Geld mehr. Matth. 6:19.“ Nun kommt also das große Finale. Die Erlösung von allem Bösen. Denn, so ihr Originalton: „Aus der Bibel wissen wir, dass Seuchen ein auffallendes Merkmal der letzten

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Scheitern als Chance

„Das Echte suchen, das Falsche demaskieren.“ Oder: „Inszenieren, um das Inszenierte offenzulegen.“ Das sind Sätze Marke Christoph Schlingensief. Merkwürdig. Er ist mittlerweile seit zehn Jahren tot, doch seine Arbeiten sind lebendiger denn je. Seine  stets umstrittenen Inszenierungen lagen einfach ein paar Schritte zu weit in der Zukunft. Der Theatermann war seiner Zeit voraus. Schlingensiefs Botschaft: Probiert Euch aus. Scheitern gehört dazu. Es ist eine Chance. Ein neuer Dok-Film von Bettina Böhler, zwei Stunden und zehn Minuten lang, erinnert nun an den Visionär aus Oberhausen: Schlingensief – In das Schweigen hineinschreien.     Schlingensief hatte mindestens sechs Leben. Mit der Super-8-Kamera seines Vaters hielt er die Wirtschaftswunder-Bundesrepublik fest. So dokumentierte er

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Alles perfekt

„Sein oder nicht sein/Frei oder nicht frei/Kriechen oder nicht kriechen/F**k all diese perfekten Leute!“ Lakonisch, leise und mit lebenskluger Leichtigkeit setzt Chip Taylor allen perfekten Menschen dieser Welt ein Denkmal. Das Lied ist millionenfach geklickt worden. Aber wer ist dieser Chip Taylor? Auf den ersten Blick ein wenig bekannter New Yorker Songschreiber. Einer, der für die Netflix-Serie „Sex Education“ diesen Hit geschrieben hat. Also einer von den vielen Talentierten, die es nicht ins Rampenlicht geschafft haben?     Auf den zweiten Blick ist Chip Taylor ein alter weißhaariger Mann, der in den nächsten Tagen die Achtzig vollendet. Ein Songschreiber mit intensiven achtzig Lebensrunden. Sein richtiger Name ist James Wesley “Wes”

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