Was bleibt
„Man lebt zweimal. Das erste Mal in der Wirklichkeit, das zweite Mal in der Erinnerung“, heißt es bei Balzac. Erinnern als Aufgabe. Einer meiner letzten Jobs kurz vor Dienstschluss beim ZDF war es, lebende Prominente im Fließbandtakt zu beerdigen. Nekrolog hieß es früher, jetzt Lebensbild. Das klingt freundlicher. Eine anderthalbminütige Kurz- und eine Langfassung von drei Minuten. So bastelte ich möglichst kurzweilige, gleichwohl treffende Lebensbiografien. Aus Archivschnipseln, alten und neuen Interviews, ein Best of im Telegrammstil. Lässt man die Schattenseiten beiseite? Es heißt doch, kaum wird so viel gelogen wie auf Trauerfeiern und Premieren. Viele Nachrufe sind entstanden: Über Promi-Künstler, Maler, Musiker, Ministerinnen, Schriftsteller und sogar zwei Intendanten. Die eigenen Chefs würdigen – was für ein Ritt auf der Rasierklinge!

„Ich bin stur. Glaube an Papier und Bleistift. Widerspruch auf Papier.“ Georg Baselitz. (1938-2026) Foto: Geoffroy Van Der Hasselt
Seit meinem Ausscheiden aus der ZDF-Anstalt gilt die Regel: Tote beleben das Geschäft. Eine alte Nachrichten-Weisheit. Das heißt: Wenn eine Person der Zeitgeschichte die Lebensbühne verlässt, komme ich ins Programm und – klar – in alle digitalen Kanäle. Jetzt hat sich Georg Baselitz verabschiedet. Ein klarer, kräftiger, kompromissloser, lautstarker wie sensibler Malerfürst der alten Schule. Sein Durchbruch gelang ihm 1969 mit Der Wald auf dem Kopf. Warum? Baselitz wechselte die Perspektive. Er wollte, dass seine Bilder neu gesehen werden. Das Ergebnis: Kopfüber wurde er weltweit berühmt. Eine Provokation wie sein onanierender Junge in Die große Nacht im Eimer, einige Jahre zuvor. In heutigen TikTok-Zeiten würde es heißen: mega-provokativ geht viral, die optimale Aufmerksamkeitsmaschine.
Was bei diesen kurzen „Lebensbildern“ leider untergeht, sind Zwischentöne und Details. Auch alles, was zwischen den Zeilen ist. Dinge, die nicht ausgesprochen und trotzdem verstanden werden. Baselitz arbeitete sich zeitlebens an Krieg und Zerstörung ab, aber auch an seinem Vater, einem überzeugten Nazi aus dem sächsischen Deutschbaselitz. „Ich bin in eine zerstörte Ordnung hineingeboren worden, in eine zerstörte Landschaft, in ein zerstörtes Volk, in eine zerstörte Gesellschaft. Und ich wollte keine neue Ordnung einführen. Ich hatte mehr als genug sogenannte Ordnungen gesehen. Ich war gezwungen, alles in Frage zu stellen, musste erneut ‚naiv‘ sein, neu anfangen.“
Seine Helden-Bilder gehören zu den beeindruckendsten Auseinandersetzungen mit der deutschen Geschichte. Gebrochene Männer, zwischen Schlamm, Verzweiflung und dem brennenden Wunsch nach Vergessen; merkwürdige Monster voll verletztem, vernarbtem Stolz. Sie schauen uns an! Direkt in die Augen!
Hier einige Tipps für alle, die sich intensiver mit Baselitz (1938-2026) beschäftigen wollen. Mit Hans-Georg Kern, so sein Geburtsname, und Ehefrau Elke, seine Lebensgefährtin, Ratgeberin und schärfste Kritikerin. Es gibt viel zu entdecken:
Museum der Moderne Salzburg. „Baselitz jetzt“, bis 18. Oktober 2026
72 Stunden Baselitz nonstop in der Seemannskirche Prerow. Mecklenburg-Vorpommern. „Mein Vater sieht einen Engel“. Pfingsten. 22. bis 25. Mai 2026.
Baselitz-Atelier und Museum. Schloss Derneburg bei Hildesheim. „Zeit für neue Helden“ (bis Ende Oktober 2026)
Museum Küppersmühle. Duisburg. Heldenbilder.


