So viel Zukunft war nie
Das ehemalige Centrum-Warenhaus von Hoyerswerda ist nicht zu übersehen. Kaum kleiner als sein großer Bruder am Berliner Alexanderplatz. Auffällig durch seine markante, wabenförmige Metall-Fassade. Parterre residiert das Lausitz-Center. Weiter oben steht alles leer. Wir suchen den Zugang zum Tanz-Projekt-Abend. Niemand weiß den Weg. Besucher irren wie wir rund um das Gebäude. Einen Familienvater fragen wir nach dem Weg. Er kennt ihn auch nicht. Wir kommen ins Gespräch.
Gemeinsam eilen wir um das riesige Gebäude im Zentrum von Hoyerswerda-Neustadt. Die Neustadt ist mittlerweile über ein halbes Jahrhundert alt. Unser Zufallsbegleiter ist von der Sparkasse. „Wir sponsern den Abend“, sagt er stolz. „Wir brauchen so was für die Zukunft.“ Plötzlich finden wir die breite Auffahrtsrampe zum Parkdeck. „Hoyerswerda kommt. Mit den Milliarden von der Kohle-Transformation investieren wir in Karbonfaser, Wasserstoff und Windräder. Die Lausitz wird zum Zentrum der Elektromobilität und Batterieproduktion.“

Hoyerswerda tanzt. Ein faszinierendes Projekt. Das pralle Leben in einem leerstehenden Kaufhaus. Selbst entwickelt, selbst gespielt und zurecht seit 2010 gefeiert.
Wir sind ganz oben. Über den Dächern der einstigen sozialistischen Vorzeige-Planstadt, im einstigen Braunkohlerevier und Energiezentrum der DDR, im heutigen Sachsen. Nach der Wende Krawall-, Frust- und Ausländer-Raus-Hochburg. Wir finden gemeinsam den Eingang. Hier sind wir richtig. Hier ist was los. Menschen plaudern vor dem Einlass. Sie hoffen auf eine wunderbare Sommernacht. Über Hoyerswerda zeigt sich der Junimond. Endlich ist was los: Tanztheater. Alle sieben Vorstellungen sind restlos ausverkauft. Zum wiederholten Mal seit 2010 heißt es. „Eine Stadt tanzt. Die Entscheidung.“ Tanz den Frust. Tanz ihn einfach weg. Gemeinsam. Über hundert Mitwirkende. Die meisten sind Laien. Menschen von nebenan. Pflegerin oder Arzt, dazu ein paar Profis. Bereit für achtzig Minuten Lebensgefühl. Für flotte Songs, Rhythmus, Bewegung und Begeisterung.
Im Saal ist es heiß und stickig. Egal. Die Show beginnt. Die erste von dreizehn Tanz-Szenen beginnt furios. Eine neue Stadtplanerin soll die von siebzigtausend auf 32.000 Einwohner geschrumpfte Stadt retten. Die Bässe wummern. Die Songs gehen unter die Haut. Die Choreographie sitzt. In den Augen der Beteiligten ist Glanz zu sehen. Schaut her, was wir können. Wir haben uns nicht aufgegeben. Für das Ensemble ist Hoyerswerda kein Schicksal, sondern eine Entscheidung. Zu bleiben. Die Welt zuhause besser zu machen. Lebens- und liebenswert. Im Stück ringen Traditionalisten mit Erneuerern. Klar ist: Die Abrissbirne ist keine Lösung. Auch nicht die Parolen der AfD. Oder die Ignoranz der Westler. Das Tanztheater steigert sich, fragt in den Songs: Was wäre, wenn?
Was wäre eine Stadt, die Spaß macht. In der nicht der Geldbeutel entscheidet. Eine Stadt von morgen, in der es gereicht zu geht. In die Menschen strömen und nicht wegziehen. Der Vater des Tanzprojekts ist Dirk Lienig. Ein ausgebildeter Tänzer, der die Welt bereist hat. In Hoyerswerda geboren will er seine Vaterstadt nicht weiter untergehen sehen. Der Erfinder und Regisseur der tanzenden Stadt sagt: „Beim Tanzen vergesse ich alles. Kummer, Sorgen, Stromrechnungen, Stress. Ich bin völlig bei mir. Schwebe schwerelos. Bin in einer anderen Welt.“

Eine Stadt tanzt. Über 100 Mitwirkende. Neunzig Tänzerinnen und Tänzern. Allesamt Laien. Sie tanzen sich frei.
Finale. Das Publikum rast vor Freude. Vergessen sind Alltag und Sorgen. Vergessen die Kritiker, die lästern, mit Tanz-Gedöns werde die Welt nicht besser werden. Hoyerswerda schwebt in diesen Minuten. Komm, das wissen wir: Seit der Einheit sind sechzig Prozent der Einwohnerschaft weggezogen. Hoyerswerda schrumpft gnadenlos weiter. Das Durchschnittsalter liegt bei 54 Jahren. In den nächsten Jahren treten die Babyboomer ab. Wer besetzt dann die viertausend Jobs in Verwaltung, Versorgung und Gesundheit?
Nicht jetzt. Hoyerswerda will sich amüsieren, tanzen und sich freuen. Die Menge tritt auf das Parkdeck hinaus. Genießt den Juni-Abend. Tanztheater-Chef Lienig: „Hoyerswerda wird geliebt, gehasst, belächelt, besungen, bewundert, links liegengelassen oder rechts eingeordnet.“ Für den 56-jährigen ist Hoyerswerda „eine der faszinierendsten Städte Deutschlands“. Er strahlt an diesem freundlich-lauen Abend. Geschafft! Klar, kommt der nächste Montag. Aber ist die Zukunft nicht „ne abgeschossene Kugel“? Wie es der Held von Hoyerswerda, der singende Baggerfahrer Gerhard „Gundi“ Gundermann besungen hat.
Die tanzende Stadt trägt die Kugel weiter. Mal sehen, wo sie hinfliegt. Zukunft in der Lausitz? Hier gibt es 99 Tipps.

