Oh, Michael
Der King of Pop ist wieder da. Der Mann mit dem geschmeidigen Gang und dem gewissen Etwas. Ein Mega-Star des 20. Jahrhunderts. Sein Leben klingt wie ein modernes Märchen aus den USA. Jetzt neu erzählt im Biopic-Blockbuster „Michael“. Die Geschichte des schwarzen Jungen aus dem Rust Belt rund um Detroit. Achtes Kind, Sohn des Kranführers Joseph und der Verkäuferin Katherine Jackson. Das Talent des Jungen: Tanzen, Singen, Menschen glücklich machen. Im Film heißt es: „Wir müssen aus Michaels Erfolg Kapital schlagen. Die Jackson-Familie ist wie eine Marke. Das ist unsere Coca-Cola.“
Mit sieben steht der kleine Michael zum ersten Mal auf der Bühne. Im Alter von fünfzig Jahren verlässt er die Welt wieder. Atemstillstand. Folge einer Überdosierung mit dem Narkosemittel Propofol. Über eine Milliarde Menschen verfolgt im Sommer 2009 die Trauerfeier, wie der hoch begabte, rast- wie ruhelose Michael seine letzte Reise in einem vergoldeten Sarg antritt.
Der neue Film erzählt nur die Geschichte seines unaufhaltsamen Aufstiegs. Da ist der ehrgeizige, tyrannische Vater, der aus dem musikalischen Können seiner Söhne Kapital schlagen will. Um jeden Preis. Geprobt wird mit dem Gürtel in der Hand. Vater Joseph schlägt mit harter Hand zu und tritt Türen ein, wenn es sein muss. Sein Motto: „Ich ziehe Männer groß, keine Jungs.“ Der Film endet mit zwei Konzertausschnitten. 1984 mit allen Jackson-Brüdern, aber ohne Vater. Der zweite Take präsentiert Michael 1988 auf dem Höhepunkt seiner Karriere. Der Superstar als Heiland und Erlöser, Badness als sinnstiftende Gemeinschaft. Die Kamera badet in kreischenden, ekstatischen Menschen, die ihren Schwarm wie einen Gott verehren.
Der einstige Michael-Manager John Branca hat das perfekt inszenierte Kino-Comeback aus der Taufe gehoben. Dem gewieften, 75-jährigen New Yorker gelingt sein Meisterstück: Mit dem toten Michael kann er mehr Geld verdienen als mit dem Lebenden. John Branca ist der „King of Pop-Management“. Ein Meister der Selbstvermarktung, der unter anderem die Bee Gees, Boby Dylan, Rolling Stones, Elton John oder Santana vertritt. In der Kinoversion wird Branca von Schauspieler Miles Teller gespielt. Was für ein Deal! Am Michael-Mythos lässt sich weltweit gut verdienen.
Kritiker vermissen die vielen Schattenseiten im Leben des Michael Jackson. Tablettensucht, angeblicher Kindesmissbrauch, seine teure und bizarre Neverland-Scheinwelt, Michaels Realitätsverlust und Größenwahn. Das blendet der Film komplett aus. Doch die Frage bleibt: Wer hat wen missbraucht? Wer bereichert sich weiter an den Legenden vom Vorstadtjungen, der wie kein anderer geschmeidig groovt und den einzigartigen Moonwalk zelebriert. Mit virtuos glucksender Stimme, energetisch und pulsierend, die behandschuhte Hand am Gemächt. Sein Durchbruch mit Thriller 1983 gelingt mit einer faszinierenden Tanz-Choreographie, inspiriert vom Pantomimen Marcel Marceau.
Was in Michael nicht wirklich vorkommt: Die geraubte Kindheit. Der Drill und Druck in der Familie. Die Flucht in Schmerzmittel. Die zahllosen Geldmacher und Glücksritter, die seinen Erfolg gnadenlos vermarkten. Umgeben von Ja-Sagern flüchtet Michael Jackson in einen Goldenen Käfig, unter anderem Neverland genannt. Er lebt wie ein Außerirdischer in einer abgeschotteten Kunstwelt. Er ändert seine Hautfarbe, will weiße Kinder, sie sollen nicht wie sein Vater aussehen.
Jetzt ist der King of Pop wieder als Kino-Event präsent. Zum Schwelgen, Tanzen und Träumen, verbunden mit der simplen Botschaft: Musik kann dein Leben entscheidend verändern. Michael Jackson, so heißt es, wollte eigentlich immer wie Peter Pan sein. Das Kind, das niemals erwachsen wird. Das war wohl sein größter Traum!
