Cornelia Schleime. „Überleben durch Schönheit, um nicht an der hässlichen Wahrheit durchzudrehen.“

„Det is Berlin?“

Was ist typisch Berlin? Der Fernsehturm, die Millionen-Metropole ohne Sperrstunde, Events bis zum Abwinken und Clubs zum Abstürzen. Dazu ein großer Steinhaufen im märkischen Sand, bevölkert mit ruppigen Eingeborenen und großer Klappe, einstürzende Mauern (lange her: 1989), Verkehrschaos, bröselnden Brücken, tagelangem Stromausfall und Mega-Mieten. In der Hauptstadt ballt sich alles zusammen: eine ausgepowerte Verwaltung, ein undurchdringlicher Dschungel an Vorschriften und das berühmte Berliner Motto: Bin nicht zuständig, da kann ja jeder kommen!

Da braucht eine neue Ampel an einer Schule schon mal 25 Jahre bis zur Einweihung. Das nennt sich Behördenpingpong. Der Bauzaun ist Ikone und Symbol vom heutigen Babylon Berlin. So eine Absperrung kann durchaus mal vergessen werden. Seit 21 Jahren bewacht ein Absperrzaun zuverlässig die Leere mitten im Zentrum, direkt an der Staatsbibliothek. Wo? Genau: Unter den Linden, Ecke Charlottenstraße. Merke: Berlin ist eine Metropole mit dem einzigartigen Talent zum Scheitern.

 

Staatsbibliothek. Berlins vermutlich ältester Bauzaun. Seit 2001.

 

Berlin – das neue Kalkutta? Muss das sein? Oder war das nicht schon immer so? Wir fragen jemanden, der sich mit dieser Frage ein Leben lang intensiv beschäftigt hat. Karl Scheffler: Historiker. Kunstwissenschaftler. Kulturkritiker. Hier sein Berlin-Check:

Berlin war lange Zeit nicht ein Ziel, sondern bestenfalls eine Etappenstation an der Karawanenstraße. Ein Zufluchtsort für solche, die nichts zu verlieren haben.“

Über die Berliner: „Jeder hält sich für gut und richtig nur was er sagt. Unter hundert Berlinern gibt es nicht zwei, die zuzuhören verstehen.“

Über die Berlinerin: „Sie ist dafür, dass alles im Hause seine Ordnung hat, aber sie ist doch nicht eigentlich sauber und adrett. Sie regiert gerne Mann, Kinder und Dienstmädchen. … als junges Mädchen ist die typische Mittelklasse-Berlinerin niedlich genug … vielmehr ist selbst in den Töchtern schon eine unhemmbare Lust, alles Reine ins Schmutzige, alles Große ins Kleine, alles Leidenschaftliche ins Niedere ironisch herabzudenken und Gefühlsworte mit scharfen Spottworten zu erwidern.“

Über das Paarungsverhalten: „Die allgemeine Jagd auf die Frau gehört in Berlin zu den deutlichsten Zeichen roher Kulturlosigkeit. Die Männer benehmen sich dabei schamlos zudringlich, taktlos und formlos, so dass dem Betrachter auf der Straße, im Café, in den Kunstausstellungen und Varietés oft ist, als befände er sich in einer Goldgräberstadt.“

 

Cornelia Schleime, Künstlerin, Malerin, Urberlinerin. Selbstporträt als Schaf. Für sie gilt, bange machen, gibt´s nicht. „Ich nehme, wie es kommt.“

 

Über den Bauboom: „Denn nicht die verantwortlichen Behörden haben Berlin und seine Vororte nach einheitlichem Plan gebaut, sondern ein Haufen profitgieriger, geistig verblödeter und rohe Spekulanten hat die Stadt und ihre Vororte angelegt. … Ob man am Alexanderplatz wohnt oder in Steglitz, Tempelhof oder Pankow, das ist ziemlich dasselbe.“

Über die Hassliebe zu Berlin, beginnend an der Stadtgrenze: „Die Annahme, die Provinz hasse und verabscheue Berlin, ist nur zum Teil richtig. Man hat in der Provinz wohl den Instinkt für die Unproduktivität des hauptstädtischen Geistes, und man höhnt über jede sichtbare Unzulänglichkeit; aber daneben herrscht allgemein auch Neid auf die Genüsse, die die Großstadt zu bieten hat.“

 

Karl Scheffler. Gemalt von Max Liebermann 1918.

 

Wir danken Karl Scheffler für seine pointierte Polemik, die in dem geflügelten Bonmots gipfelt: „Berlin ist dazu verdammt: Immerfort zu werden und niemals zu sein.“ Dieser Befund stammt aus dem Jahre 1910 und ist genau 126 Jahre alt. Da regierte noch der Kaiser. Was hat sich geändert? Finde den Unterschied.

Wer mehr über die Stadt an der Spree erfahren will, hier meine Empfehlung. Jens Bisky. Fast 1.000 Seiten Berlin. Hochkompetent, gut geschrieben und unterhaltsam:

 

 

 

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