Category : aktuelles

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Lamento 2020

Remember me … klingt es leise klagend aus dem Autoradio. “Vergiss mich nicht!” Wir sind alle fasziniert. Was für eine Stimme, was für ein Song! Später zuhause ein Blick in Dr. Google´s Zauberkiste. Die Spuren führen zu Annie Lennox, einem Lied, das sie vor zehn Jahren schon einmal aufgenommen hat und nun im Pandemie-Winter 2020 mit einem Londoner Chor neu interpretiert hat. Die Wege führen weiter zu Henry Purcell, diesem hochbegabten britischen Komponisten. Didos Lament stammt aus seiner Feder, um 1689 erblickte die Oper Dido und Aeneas das Licht der Welt. Didos Klage ist die berührende Arie „Wenn ich in die Erde gelegt werde“, ein Meisterstrück aus seinem Werk. Henry

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Jeder Tag ist ein Geschenk

“2020 war ein schlimmes Jahr, übellaunig, ungesund, angstbesetzt, maßregelnd, erlebnisarm und hygienisch”. So Deutschlands Dauer-Zeit-Erklärer Harald Martenstein, der jede Woche neu die Welt mit seinen Erkenntnissen beglückt. War das Corono-Jahr wirklich so schlimm, so übellaunig und angstbesetzt? Keineswegs. Ich bewunderte im Frühjahr die Nachtschicht in unserem Krankenhaus, wie immer chronisch unterbesetzt dafür rund um die Uhr erlebnisreich. Schwestern und Pfleger, die müde aber dankbar lächeln, wenn sie ehrenamtlich unterstützt werden. Ich bewunderte im Sommer Freunde, die an vielen Wochenenden im Jahr am Bahnhof Zoo in der Mission praktisch mithelfen, ohne großes Brimborium darüber zu veranstalten.     Ich bewunderte im Spätherbst die Kassiererin hinter ihrer Plexiglasscheibe, die trotz der x-ten

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Besuch beim alten Herrn

Es gibt Geschichten, die sind spannender als die fettesten Schlagzeilen. Diese geht so: Die Milliardärin Claire Zachanassian besucht hochbetagt das veramte Güllen. Die alte Dame beschenkt ihr Heimatstädtchen, aber nur unter einer Bedingung. Sie fordert den Kopf des Mannes, der sie in Jugendjahren schwängerte und seine Vaterschaft erfolgreich leugnete. „Eine Milliarde für Güllen, wenn jemand Alfred Ill tötet. Gerechtigkeit für eine Milliarde.” Das Drama nimmt seinen Lauf. Der Plot stammt von Friedrich Dürrenmatt, dem Mann, der immer nach der „schlimmstmöglichen Wendung“ suchte. Vor dreißig Jahren ist der Schweizer Nationaldichter gestorben. Am 5. Januar 2021 können wir seinen 100. Geburtstag feiern. Der Dramatiker verstand sein Leben als Komödie. „Ich esse gerne,

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Im Hufschlag der Pferde

„Take Five“. Nimm den Fünfvierteltakt. Was für ein Geniestreich! 1959 bringt das weitgehend unbekannte Bruback-Quartett statt im üblich Vier-Vierteltakt ein Album im Fünfer-Rhythmus auf die Bühne. Eine kleine Revolution, ein großer Welterfolg. Was für ein Kontrast! Auf der Bühne sehen wir vier Herren in brav-biederen CIA-Anzügen, mit Kassenbrillen, schmalen Krawatten und in frisch geputzten Schuhen. Am Flügel David Bruback, als spießiger Mittelklasse-Mainstream-Musiker belächelt. Sein Jahrhunderthit „Take Five“ beschert ihm Weltruhm. Vor genau 100 Jahren wurde er als Sohn eines Cowboys in Kalifornien geboren. Bruback über seine Wurzeln: „Der Hufschlag des Pferdes ergab einen Rhythmus, und da kamen einige dieser polyrhythmischen Ideen her.“     David Bruback. Vater Vierzüchter. Mutter Klavierlehrerin.

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Eine Klinik funkt SOS

„Wenn es so weitergeht mit dem Trend, haben wir an Weihnachten 19.200 Infektionen am Tag“, sagte Angela Merkel Anfang Oktober 2020. Nur wenige hörten zu. Tausende gingen auf die Straße, um „gegen die Corona-Diktatur“ zu demonstrieren. Seit Tagen liegt die Zahl der Neuinfizierten höher. Wenn die Zeiten mies sind, sollte man Komödien inszenieren, meinte einmal Hollywood-Ikone Billy Wilder. Ich verstoße gegen dieses ungeschriebene Gesetz, in der Hoffnung, diejenigen zu unterstützen, die in dieser Covid-Krise nicht lautstark protestieren, sondern leise ihren Job machen. Bis zur Erschöpfung.     Dieser Hilferuf kommt aus dem Klinikum Niederlausitz. Dort herrscht Aufnahmestopp. Der Grund: Im Raum Senftenberg/Weißwasser (Brandenburg/Sachsen) steigt „die Zahl der schweren Verläufe und

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Der Schatz von Krefeld

„Tableau No. VII“, „Tableau No. X“, „Tableau No. XI“ aus dem Jahre 1925 und „Komposition IV“ aus 1926 hängen akkurat in Reih und Glied an einer weißen Wand in Krefeld. Ein Quartett der Extraklasse von Piet Mondrian, dem Meister der Moderne. Der ganze Stolz des Kaiser-Wilhelm-Museums. Schätzwert rund 200 Millionen Euro. Dummerweise verklagen jetzt die Mondrian-Erben das NRW-Museum vor einem US-Gericht. Begründung: Der Schatz gehöre den Krefeldern nicht. Von wegen, kontern die Hausherrn. Die Bilder seien Ende der Zwanziger für eine geplante Ausstellung über die Moderne bereitgestellt und nach dem Krieg per Zufall “aufgefunden” worden. Bei dem Erbstreit geht es um sehr viel Geld. Ein lukratives Geschäft für Anwälte.  

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Auf dem Weg zur Diktatur des Coronats?

Ein mausgrauer Novembertag. Einst Feiertag, manchen noch als Buß- und Bettag bekannt. Rund um den Reichstag demonstriert ein vielköpfiger Haufen von Corona-Leugnern wütend und unverhüllt gegen ein neues Gesetz. Die Versammelten in Berlin, laut Polizeiangaben rund 7.000, vergleichen die Novelle des Infektionsschutzgesetzes mit dem Ermächtigungsgesetz vom 24. März 1933. Damals entleibte sich der Reichstag mit dem „Gesetz zur Behebung der Not von Volk und Reich“ selbst. Ein Akt der Gleichschaltung auf Betreiben der NSDAP, nur die SPD stimmte dagegen. Die KPD-Abgeordneten waren bereits verhaftet oder geflüchtet. Mit dem Ermächtigungsgesetz wurde die Weimarer Republik abgeschafft und der Führerstaat eingeführt. Am Ende dieses trüben Novembertages ergibt sich folgende Bilanz: Eine symbolische Wasserschlacht

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Wo ist der arme Poet?

In einer Dachstube hat sich der arme Schlucker in sein Bett verkrochen. Der Ofen ist aus. Das Dach ist undicht, selbst der Regenschirm hat Löcher. Vermutlich sucht er nach den richtigen Zeilen, hofft auf eine göttliche Eingebung. Was immer man im Bildnis des Überlebenskünstlers sehen möchte: Der arme Poet von Carl Spitzweg aus dem Jahre 1839 ist ein Lieblingsbild der Deutschen. Spitzweg hat es selbst wenig Glück gebracht. Die ersten Kritiken waren so vernichtend, dass Spitzweg seine Bilder nicht mehr mit seinem Namen signierte. Als er seinen Poeten 1841 dem Münchner Kunstverein anbot, lehnte die Jury kühl ab. Der brave Poet mit der Biedermeier-Schlafmütze sollte das Meisterwerk von Spitzweg werden.

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„Jetzt kommen neue Zeiten“

Heils- und Hassprediger fahren in diesen Tagen Sonderschichten. Im Internet – unserer Neuen Heimat – verbreiten sich Spreader aller Farben, Formen und Fähigkeiten. Sie zeigen mit dem Finger auf andere ohne rot zu werden, Zynismus geht besonders gut. Entertaiment at it´s best. Wir amüsieren uns zu Tode. Der US-Medienwissenschaftler Neil Postman bemerkte: „Jeder Trottel kann ein Star werden, das ist das Grundprinzip. Es ergibt sich eine doppelte Perspektive. Der Zuschauer kann sich in das Geschehen hineinträumen, er wolle ein Star werden, und er nimmt am Selektionsprinzip teil. Ein gemachter Superstar, eine Schöpfung aus dem Nichts“. Postmans Zeilen sind 35 Jahre alt. Das Internet kannte er nicht, es steckte noch in

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Die Welt wird eine Bessere sein

Staatlich verordneter Stillstand. Teil II. Ein Land soll die nächsten vier Wochen den Atem anhalten. Nichts tun. Zuhause bleiben. Auf Besserung hoffen. „Wellenbrechen“ heißt das neue Zauberwort und meint, Infektionsketten zu durchbrechen, das Gesundheitssystem vor Überlastung zu schützen, um die „Funktionsfähigkeit des Systems“ zu retten, damit wir – so die Sprachregelung – mit der Familie Weihnachten feiern können. Bei unseren Nachbarn in Österreich gilt ein Ausgehverbot von 20 Uhr abends bis sechs Uhr morgens. Das Verlassen der Wohnung ist nur erlaubt, wenn „Leib, Leben oder Eigentum in unmittelbarer Gefahr“ sind und in Ausnahmefällen zur „körperlichen und psychischen Erholung“ aber nur, wenn einem „die Decke auf den Kopf fällt“. Schöne neue

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