Archive for : April, 2018

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Expressgeschwindigkeit

„Die Menschen leben, denken und arbeiten nun mit Expressgeschwindigkeit. Sie haben ihre Zeitung in aller Frühe am Frühstückstisch liegen, und wenn sie es zu eilig haben sollten, die neuen Nachrichten noch während des Frühstücks aufzuschnappen, können sie diese mit sich tragen, um sie während der Fahrt zu lesen, was ihnen keine Zeit mehr dafür lässt, mit dem Freund zu plaudern, der das Abteil mit ihnen teilt.”

 

 

Das schrieb William Smith Morley – und wer unter den geplagten Digitalskeptikern würde da nicht sofort seufzend zustimmen wollen? Der US-Autor und Zeitkritiker notierte diesen Gedanken allerdings im Jahre 1886. Die Schuld an der aufkeimenden Ungemütlichkeit gab er damals “dem Aufkommen der billigen Zeitungen”. Heute kämpft diese Verlagsbranche ums Überleben. Zeitungen sind nur noch etwas für Ruheständler und Urlauber. Der Durchschnittsbürger verbringt mittlerweile mehr Zeit mit seinem Smartphone als mit Partner, Kind oder Hund.

Was tröstlich ist: Schon vor über hundert Jahren fürchteten Menschen das Aufkommen neuer und bis dahin auch in ihrer Geschwindigkeit unbekannten Medien. Ich weiß nicht, ob die Menschen damals schon Sätze sagten wie “Früher war alles besser”, ausschließen sollte man es nicht. Das Ritual jedenfalls wiederholte sich über die Jahrzehnte. In den dreißiger Jahren des letzten Jahrhunderts warnten Filmemacher vor dem Aufkommen des Tonfilms. Das sei der Untergang der Filmkunst. In den siebziger Jahren war es schick, über die Gefahren des Fernsehkonsums zu wettern. Neil Postmans prophezeite “Wir amüsieren uns zu Tode”. Besser als sich zu langweilen kontert der heutige User mit einem Achselzucken.

 

 

Wahrscheinlich bleibt die Klage über die Expressgeschwindigkeit ein zuverlässiger Wegbegleiter. Frei nach dem Motto: Der Stress von heute ist die „gute alte Zeit“ von morgen.

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Flieg mit

„Wenn es dir mies geht, wenn du Hoffnung brauchst, folge diesem Lied“. Olivia Trummer sitzt am Flügel. Zierlich. Konzentriert. Dann legt sie los. Schwingt sich auf. Kontrabass und Schlagzeug steigen ein, geben dem Song Halt und Linie. Sinn und Form. Olivia Trummer präsentiert Lieder aus ihrem Album „Fly now“. Sie gilt als Geheimtipp und großes Talent des Jazz. Jung, neugierig, unaufgeregt. Cool im allerbesten Sinne.

Die 31-jährige Pianistin, die viel jünger aussieht, stammt aus einer Stuttgarter Musikerfamilie. Insgesamt fünf Mal gewann sie den Wettbewerb „Jugend musiziert“. Sie studierte klassisches Klavier an der Musikhochschule Stuttgart, wechselte über den großen Teich nach New York. Sie lernte an der Manhattan School of Music. Ihren Zugang zur Musik charakterisiert sie so: „Meine Beziehung zum Klavier ist nicht einseitig. Von den Tasten kommt etwas zurück. Ich spiele auch deshalb nicht so laut, weil der innere Klang wichtig ist, Ich höre den Ton schon, wenn ich meine Finger auf die Taste lege“.

 

 

In New York verfeinerte sie ihre Lieder. Aus Manhattan brachte sie dieses ganz spezielle Großstadtgefühl mit. Das nervöse Pulsieren zwischen aufkeimender Hoffnung, heller Erwartung und bedrückender Einsamkeit. „Don´t ask love“, suche dein Glück, vielleicht findest du die große Liebe. Am Ende bleibt das ewige Versprechen „All is well“. Es sind diese magischen Momente in Live-Konzerten, in denen das Geheimnis der Musik aus dem Nichts aufblitzt. Ein Blick, ein Ton, ein Akkord, der uns trägt. Manchmal sogar über den Abend hinaus.

Fly Now. Ihr jüngstes Album. Ein Flug mit der Pianistin Olivia Trummer kann zu neuen Ufern führen. Einfach nicht anschnallen. Nur loslassen. Den Alltag vergessen. Dann kann es gelingen.

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Süßer Schlaf

Immer hellwach. Morgen, mittags, abends, nachts. Tempo. Termine. Tausendfach trainiert. Bloß nicht schlafen! Nicht im Theater, nicht bei der Lesung oder im Opernhaus. Giacomo Puccini hat sich in seiner Oper Turandot mächtig ins Zeug gelegt. Zu Beginn des dritten Aktes lässt er den Prinzen Kalif schmettern. Er will seiner Angebeteten imponieren: „Nessun dorma, nessun dorma, Tu pure, o principessa – niemand schlafe, niemand schlafe, auch du Prinzessin…“ Und dann nickt der Zuhörer entspannt ein.

 

 

Altmeister Loriot hat recht. Es gibt nur noch wenige öffentliche Bereiche in unserer Effizienzgesellschaft, in denen der Mensch ungestört bei sich sein kann. Die Mühen des Tages geschafft, das Konzert im letzten Moment erreicht, Parkplatz ergattert, Tasche und Mantel an der Garderobe deponiert, zum numerierten Platz über die Nachbarn gestiegen. Und dann!

 

 

Das Licht geht aus. Es ist wohlig warm. Der Sauerstoffgehalt sinkt. Töne erklingen und verschwimmen. Der Kopf senkt sich. Die Beine werden schwer. Ruhe kehrt ein. War da noch was? Das ist wahre Lebensfreude. Die Kultur der Stille, die wahre Kunst der Kontemplation, bis zum ersten Schubs von der Seite. Der strafende Blick der hellwachen Begleiterin.

 

 

Es fällt auf, dass bei Loriot nur die Herren der Schöpfung gleich nach den ersten Tönen hinweg dämmern. Selten sind Männer so friedlich und solidarisch wie in diesen Momenten. Also doch! Kultur kann unser Leben in der Turboleistungsgesellschaft beeinflussen und bereichern. Wer will da noch wach bleiben, wenn es auf der Bühne heißt: Nessun dorma!!!

 

PS

Nach einer Studie der DAK-Krankenkasse sind Schlafstörungen bei Berufstätigen im Alter von 35 bis 65 Jahren seit 2010 um zwei Drittel gestiegen. Demnach seien insgesamt 34 Millionen Bundesbürger davon betroffen. (Gesundheitsreport 2017)