Tanz, wenn du kannst

Es waren heiße Tage im September. Ich musste schnell nach Hoyerswerda. Wohin? Hoyerswerda kannte ich nicht. Spätsommer 1991 und weit weg von Berlin. Als wir dort zwei Stunden später eintrafen, herrschte eine brisante Mischung. Ungehemmt tanzten Wutbürger in den Straßen. „Ausländer raus“, schallte es. Im Visier vor allem Mocambikaner, Gastarbeiter in der DDR. Es hieß, sie lebten auf Kosten der Einheimischen.

Fünf Tage Ausnahmezustand. Jagdszenen in Sachsen. Am helllichten Tage. Als wir in der Thomas-Müntzer-Straße für das Heute Journal unsere Kamera auspackten, wurden wir beschimpft. Das Ausländerheim war attackiert und geräumt worden. Busse transportierten die Bewohner ab. Dieser Moment brannte sich mir ein. Wir waren ratlos. Nicht wenige Hoyerswerdaer jubelten. Die meisten schwiegen. Die Polizei schaute weg. Im Rathaus wiegelte man ab.

 

Zum Nachahmen empfohlen. Hilft gegen Wut und Frust.  „Eine Stadt tanzt: Manifest“. Hoyerswerda. Ehem. Centrum-Warenhaus. Juni, 2018. Alle Fotos: Dirk Lienig.

 

Ein Augenzeuge berichtet: „Siebzig haben am Anfang randaliert. Sieben haben sich dagegengestellt. Mehr nicht. Und jetzt kommt eigentlich das Schlimme: 700 – junge Familien mit Kindern – die haben Beifall geklatscht – jetzt schmeißen sie endlich die Nigger raus. Und 70.000 – die haben geschwiegen.“

Hoyerswerda hatte von nun an sein Image. Von diesen Tagen hatte sich das einstige Prestigeprojekt der DDR lange nicht erholt. Die bange Frage: Welches Leitbild, welche Zukunft kann eine solche Stadt entwickeln? Da von der Politik allenfalls ausweichende Antworten kamen, nahm eine Handvoll Kulturenthusiasten das Schicksal in die Hand. Die Geburtsstunde eines bemerkenswerten Projekts: Hoyerswerda tanzt. Am Abgrund. Aber aus eigener Kraft. Und mit eigenem Programm. Das Beste: Niemand redet rein.

 

Die Verhältnisse zum Tanzen bringen. Hoyerswerda will und sucht eine Zukunft.

 

Drei Tage lang eroberten in diesem Juni Tänzer, Sänger, Musiker und Schauspieler eine viertausend Quadratmeter leere Kaufhausfläche. Ihr Programm heißt „Manifest“. Sie spielten sich selbst: die Geschichte ihrer Stadt vom Aufstieg aus dem Nichts zu einer 70.000 Einwohner-Industriestadt der DDR. Der Absturz nach der Wende. Die neue Zeit mit Abwanderung, Abriss, Arbeitslosigkeit, Betriebsschließungen und Demontage. Kapitalismus als Abstiegserlebnis, als Rutschbahn nach unten. Mittlerweile zählt die ostsächsische Plattenstadt noch 35.000 Bewohner.

 

„Ihr hört später von uns“. Das Team um Dirk Lienig und Olaf Winkler hat eine ganze Stadt in Bewegung versetzt. Alle Vorstellungen waren ausverkauft.

 

Dagegen wird angetanzt. Was auffiel: Das Lächeln in den Augen der Beteiligten. Die Inszenierung ist ein Mix aus Szenen, Situationen, Theater-Chor- und Tanz-Projekt. Für die gewählte Form von „Manifest“ gibt es keinen wirklich passenden Begriff. Ein Stück weit Dokumentartheater vielleicht. Vor allem aber Lebensfreude und Selbtsbehauptung. Dargeboten von Amateuren. Mit professionellem Ergebnis. Ein kluges, intensives, temporeiches Programm. Siebzig Minuten, die sich lohnen.

 

 

“Zukunft ist ne abgeschossene Kugel“, singen die Hoyerswerdaer aus voller Brust und zitieren ihren Helden Gundi Gundermann. Der „singende Baggerfahrer“ und großartige Rockpoet ist früh verstorben und längst eine Legende.  Ikone einer Region am Rande, die inständig hofft, dass die Kugel endlich einmal ins Ziel trifft. Keine Frage: Wer tanzt, lebt. Im Herbst will Initiator, Tänzer und Filmemacher Dirk Lienig die Botschaft in einem neuen Dokumentarfilm in die Welt hinaustragen. Sie ist so einfach wie genial: Hoyerswerda hat Zukunft.

1 comment

  • Maren-Kea Freese

    Oh das schöne Projekt habe ich leider verpasst!
    Klingt toll – beim nächsten Mal gern Bescheid geben..!
    Herzlich
    Maren-Kea Freese

    Regisseurin, Autorin

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